Sylvia Wage | GRUND

D 2021 | 176 Seiten
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0093-1

Mein Vater lag tot auf dem Grund des Brunnens.

(Seite 5)

Heute ist es endlich soweit: GRUND, der Debütroman von Sylvia Wage kommt in den Handel. Wer meinem Blog schon länger folgt, wird sich vielleicht erinnern, dass ich mich Anfang des letzten Jahres durch dutzende Leseproben und Manuskripte unveröffentlichter Romane gelesen habe. Ich war Mitglied der Blogger-Jury für die aktuelle Staffel des Blogbuster-Preises und meine Aufgabe war es, das Manuskript auszuwählen, das meines Erachtens eine Veröffentlichung verdient – ich entschied mich für GRUND. Aus über hundert Einsendungen blieben am Ende neun Titel übrig, aus denen eine Fach-Jury den Sieger kürte – Sylvia gewann und nun, fast ein Jahr später, steht das Ergebnis in den Buchläden. Seit vielen Monaten fiebere ich diesem Tag entgegen und kann dieses außerordentliche Buch nun endlich rezensieren.

Die Geschichte, die die Wahlberlinerin in wunderbar leichtfüßigen Sätzen erzählt, ist eine Mischung aus skurrilem Märchen und tieftraurigem Familiendrama. Sie beginnt mit den ebenso klaren wie eindringlichen Worten: »Mein Vater lag tot auf dem Grund des Brunnens.« Jener Vater liegt dort schon seit Jahren, doch tot ist er erst seit kurzer Zeit. Die Jahre davor wurde er notdürftig versorgt und gefüttert vom mittleren seiner drei Kinder, demjenigen, das den Brunnen einst aushob und den Vater dort hineinstieß. Dieses Kind – mittlerweile erwachsen, die Autorin verrät weder Namen noch Geschlecht – ist sowohl Held der Geschichte als auch deren Erzählinstanz. Als es bemerkt, dass der Vater nicht mehr unter Lebenden weilt, ruft es seine Schwestern an, um mit ihnen zu beratschlagen, wie jetzt vorzugehen sei. Für die Schwestern ist die Neuigkeit ein großer Schock, allerdings weniger das Ableben des Vaters, als eher die Tatsache, dass er jahrelang in einem Brunnen im hauseigenen Keller lag – die ganze Sache wurde vom mittleren Kind all die Jahre vor der Familie geheimgehalten. Es herrscht also akuter Klärungsbedarf.


In vielen kurzen Kapiteln führt Sylvia Wage durch eine albtraumhafte Familiengeschichte, die von der Herrschsucht des Vaters und des Alkoholismus der Mutter dominiert wird. Auch familiäre Gewalt und Kindesmissbrauch sind treibende Kräfte des Romans und schlussendlich auch die Gründe dafür, dass der Vater sein Dasein im Brunnen fristen musste. Das sind zweifelsohne harte Themen, die die Autorin in ihrem Debüt ins Feld führt. Dass man bei der Lektüre dieses Dramas dennoch selten erschüttert ist, sich eher eigenartig gut unterhalten fühlt, liegt an dem Kunstgriff der Autorin, bei den wirklich schlimmen Szenen abzublenden. Sie wird nie explizit und redet mit jeder Menge Galgenhumor an den Katastrophen vorbei – der wahre Schrecken jedoch liegt deutlich spürbar zwischen den Zeilen und verdunkelt wie ein böser Schatten das ganze Buch. Das mag makaber klingen, beim Lesen aber kann man sich hier und da ein Schmunzeln nicht verkneifen, selbst wenn es einem auf den nächsten Seiten wieder gefriert. Sylvia Wage beweist ein gutes Gespür für skurrile Komik, wenn sie beispielsweise ausführt, wie es sein konnte, dass in all den Jahren niemand in der Familie auf die Idee kam, den Keller zu betreten. Und auch für die Nachfragen der Polizei, des Jugendamtes und der Nachbarschaft hat sie die entsprechenden Lösungen parat. Und dennoch: Hinter all dem Witz, all der scheinbaren Leichtigkeit, bleibt GRUND ein hartes, ein dramatisches Buch. Eine weniger kunstfertige Autorin hätte aus dieser Story einen billigen Thriller gemacht.

Ich kann es kaum in Worte fassen, wie sehr ich mich darüber freue, dass dieser Roman nun endlich für das große Publikum freigegeben wird. Ich hoffe, dass Ihr GRUND genauso feiert, wie ich seit gut anderthalb Jahren, und wünsche Dir, liebe Sylvia, eine aufregende Zeit und einen guten Start in eine große Karriere!


GRUND erschien beim Eichborn Verlag, dem ich herzlich für die Zusammenarbeit danke. Mit einem Klick auf Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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