Katja Kettu | DIE UNBEZWINGBARE

FIN 2018 | 335 Seiten
OT: »Rose on poissa«
Aus dem Finnischen von Angela Plöger
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0001-5

[…] meine Mutter verwandelte sich in einen Wolf, und das ist die Wahrheit.

(Seite 15)

Als ich noch ein Junge war, gab es mal eine Serie von bunten Sammelfiguren aus Hartgummi. Monster in my Pocket hießen die, muss gleich nach der Wende gewesen sein. Man konnte einen großen Setzkasten in Form eines Vulkans an die Wand schrauben und die kleinen Figuren der Reihe nach in ihre Fächer stellen. Hydra, Medusa, Ghoul – ich hatte sie alle. (Ich will nicht wissen, was das gekostet hat. Den armen Eltern der Zonenkinder wurde nach Strich und Faden das frisch verdiente Westgeld aus den Taschen gezogen und auf diese Weise gleich beigebracht, wie Kapitalismus, Werbung und Konsumzwang funktionieren.) Ein Monster, das mir über all die Jahre in Erinnerung blieb, ist der Weendigo, ein furchterregendes Scheusal aus der Mythologie der Ojibwe-Indianer, die im Grenzgebiet zwischen den USA und Kanada leben. Jahre später kam mir dieses Viech bei der Lektüre von Stephen Kings FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE wieder unter, und jetzt, nochmal fünfundzwanzig Jahre weiter, kreuzt es meinen Weg erneut – in Katja Kettus grandiosem Roman DIE UNBEZWINGBARE.

Katja Kettu (*1978), die in Finnland einen gewissen Kultstatus besitzt, erzählt die erschütternde Geschichte von Lempi, der Tochter der Ojibwe Rose und des Finnen Ettu. Aufgewachsen ist sie in einem Reservat im Norden Minnesotas, aus dem seit Jahrzehnten immer wieder junge Mädchen verschleppt werden. Auch Lempis Mutter verschwand vor fünfundvierzig Jahren. Der Fall wurde von der Polizei nicht groß verfolgt, geschweige denn aufgeklärt, denn das Interesse der Weißen am Schicksal der Ureinwohner hält sich seit jeher in Grenzen. Ettu verliert daraufhin fast den Verstand, Lempi verlässt das Reservat und zieht in ein Internat fernab. Als 2018 wieder ein Mädchen spurlos verschwindet, brechen die alten Wunden auf und Lempi – mittlerweile eine gestandene Frau – kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück. Auf Spurensuche nach dem Mädchen stößt sie auf lang verschwiegene Wahrheiten und auf ein Geflecht aus unmenschlichen Verbrechen.


Eine Warnung muss sein: DIE UNBEZWINGBARE ist alles andere als ein leichtes Vergnügen für nebenbei. Katja Kettu findet zwar eine sehr blumige, fast märchenhafte Sprache voller Liebe und Wärme, das verklärt aber absichtlich nur den Blick auf das eigentliche Thema, das in seiner Grausamkeit kaum zu auszuhalten ist. Die stilistische Form spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn der Roman ist in Briefen erzählt. Zum einen schreibt Lempi 2018 ihrem alten Freund Jim Graupelz über die Entdeckungen nach ihrer Rückkehr ins Reservat, zum anderen gibt es einen ganzen Stapel Briefe von Mutter Rose an Lempi, geschrieben 1973, als diese noch ein Kind war. Kettu mischt die Briefe, sodass wir abwechselnd in zwei Zweitebenen hin- und herspringen und immer nur Teile der Geschichte sehen. Wie bei allen Briefromanen ist es auch hier so, dass wir den Urheberinnen nicht gänzlich trauen können – sie flunkern, sie beschönigen, sie sind dem Adressaten gegenüber befangen, was alles ganz natürlich ist und von der Autorin geschickt eingesetzt wird.

Der uralte und nie enden wollende Furor des alten, weißen Mannes gegen die Dinge, die er nicht versteht – das ist das Thema. In Kettus Sprache ist es ebenjener Weendigo, der wie ein Dämon in den Weißen sitzt und deren Gier und Mordlust anstachelt. Es geht um die Unterwerfung der Ureinwohner, es geht um puren Rassismus, um Frauenhass, sexuellen Missbrauch und die Verschleierung von all dem. Aber es geht auch um Vereinigung und Versöhnung, denn Lempi ist halb Ojibwe, halb Finnin und somit in beiden Kulturen zuhause. Die Liebe zwischen diesen dreien ist wie die Fackel im Sturm, wie das Horn im Nebel, auch wenn alle große Opfer bringen müssen. Katja Kettu ist eine sprachmächtige Autorin, die mit DIE UNBEZWINGBARE einen erschütternden Roman geschrieben hat, stilistisch brillant und inhaltlich von großer Bedeutung.


DIE UNBEZWINGBARE erschien im ersten Programm des frisch gegründeten Ecco-Verlages. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin findet. Eine kleine Bitte noch: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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