Steven Uhly | DEN BLINDEN GÖTTERN

D 2018 | 266 Seiten
Secession Verlag für Literatur
ISBN: 978-3-906910-44-4

Friedrich Keller überquerte die vierspurige Straße mit ihrer schmalen Verkehrsinsel in der Mitte, um auf der anderen Seite ein Lebensmittelgeschäft zu betreten. (Seite 9)

Friedrich Keller bekommt in der Buchhandlung, in der er arbeitet, von einem Obdachlosen wortlos einen Stapel Gedichte überreicht. Er nimmt sie mit nach Hause und beachtet sie zunächst nicht weiter. Doch durch einen Zufall – die Putzfrau wischt aus Versehen ein paar Blätter auf den Boden – liest er sie und ist sich schnell darüber im Klaren: Diese Sonette sind meisterhaft und ihr Urheber muss ein Genie sein.

Als er den verlotterten Mann auf der Straße wiedersieht, folgt er ihm in eine üble Spelunke und erfährt dort seinen Namen: Radi Zeiler. Doch wie ein göttlicher Poet wirkt dieser nicht. Als Zeiler ein paar Tage später bei Keller in der Tür steht, Logis und Frühstück verlangt und mit seinem Gestank das ganze Haus verpestet, gerät Kellers wohlgeordnetes Leben gehörig ins Wanken. Zeiler gibt vor, Kellers Zwillingsbruder zu sein, bändelt mit der Putzfrau an und macht aus Kellers Haus eine Flüchtlingsunterkunft. Für Keller, seit jeher eigenbrötlerisch und menschenscheu, brechen harte Zeiten an, in denen er öfter über seinen Schatten springen muss, als ihm lieb sein kann. Als dann noch ein weiterer, bisher unbekannter Bruder auftaucht und er von seltsam realistischen Träumen heimgesucht wird, beginnt Keller, an sich und seiner Welt zu zweifeln.


Steven Uhly (*1964) präsentiert mit seinem neuesten Roman ein komplexes Verwirrspiel um Traum und Realität, Kunst und Dreck. Was relativ ruhig und harmlos beginnt, wird mit jedem Kapitel verworrener und es kommen immer mehr Figuren hinzu. Schließlich belässt es Uhly nicht bei nur einer Erzählebene, legt noch eine zweite darüber und lässt die Grenze zwischen ihnen immer mehr verschwimmen.

Die Sätze sind – passend zur Hauptfigur – akademisch, steif und wirken angestaubt. Es wird sekundiert und evoziert, kopuliert und geradebrecht – alles Begriffe, die man auch moderner ausdrücken könnte, wenn man denn wollte. In diesem Fall ist die Sprache ein Abbild Friedrich Kellers, der mit seiner kauzigen Art genauso aus der Zeit gefallen scheint. Dem ganzen Handlungswirrwarr entgegen stehen die Sonette Zeilers, die mit ihrer strengen Form unverrückbar wie Felsen in der Brandung stehen. Über diese Gedichte zu sinnieren, beruhigt Keller ungemein, und auch wenn sie ihm Rätsel aufgeben, sind sie sein geistiger Halt.

Uhly sorgt also ordentlich für Verwirrung. Spätestens bei der zweiten Erzählebene – ein Linguist namens Gugly (oder Ugly (oder Euly)) transkribiert die dahingenuschelte Geschichte eines Komapatienten namens Koller (oder Käller (oder Kuller)), die er als Roman veröffentlichen will – wird uns Lesern einigermaßen klar, was der Autor im Schilde führt, doch dann schlägt die Handlung erneut einen Haken und wir sind wieder verloren.

Zugegeben: Ich bin kein großer Lyrik-Leser und das ganze Tamtam um diese Sonette hat sich mir nicht im Geringsten erschlossen. Ich könnte auch nicht ansatzweise sagen, ob die Gedichte irgendeinen literarischen Wert besitzen, wie im Buch behauptet; ich wüsste das gar nicht zu beurteilen. Lässt man das alles mal weg, bleibt eine interessante und kurzweilige Geschichte übrig, die sowohl mit ihren Figuren als auch ihren Lesern spielt.


978-3-906910-44-4DEN BLINDEN GÖTTERN erschien beim Secession Verlag. Alle Informationen über Buch und Autor findet Ihr hier. Großes Lob für das Buch gab’s bei literaturleuchtet. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

3 Gedanken zu “Steven Uhly | DEN BLINDEN GÖTTERN

  1. Die Gedichte sind ja gerade das Witzige. Man muss sich ja auch fragen, ob Uhly (oder Gugli) sie geschrieben hat oder wer sonst … Zudem sind es recht ungewöhnliche, da sehr kurze Sonette. Ob etwas über Lyrik weiß oder nicht, spielt für den Roman keine so große Rolle. Auch den Ungeübten laden sie, wie ich finde, zum Philosophieren ein …

    Gefällt 1 Person

    • Ich war gestern auf einer Lesung zu diesem Roman. Uhly meinte, die Gedichte stammen tatsächlich von einem Unbekannten, der sie ihm nach einer Veranstaltung vor ein paar Jahren wortlos überreicht und sich dann nie wieder gemeldet hätte… Ganz ehrlich? Ich glaub ihm kein Wort.
      War aber sehr unterhaltsam. Uhly war sehr aufgeschlossen, besonders den Fragen aus dem Publikum, und las sehr gut.
      LG Stefan

      Gefällt 1 Person

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