Jelle Behnert | LIEBE STEINE SCHERBEN

D 2103 | 251 Seiten
Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05006-1

Hitzefrei. In der gleißenden Mittagssonne warte ich auf Tilda. Ich sitze auf einem Pfeiler ihres Gartenzaunes, von da kann ich die ganze Straße überblicken. Wir wohnen in einer Sackgasse mit einem Wendekreis. (Seite 7)

INHALT: Johann (13) und Tilda (14) gehören zusammen; an dieser Tatsache gibt es nichts zu rütteln. Sie kennen einander seit dem Sandkasten und teilen alles miteinander. Doch als Tilda eines Tages Sebastian (15) mit in diese Zweisamkeit bringt, wachsen in Johann Gefühle, die er bis dahin nicht kannte. Drei sind einer zuviel; Wut und Hass bahnen sich ihren Weg. Allerdings ändert sich auch seine Beziehung zu Tilda. Er erkennt in ihr die Tyrannin, die sie eigentlich schon immer war. Sie führte und er folgte; sie befahl und er gehorchte; sie demütigte ihn und er opferte sich. Warum war ihm das nie klar geworden? Und was macht Sebastian so besonders? Und was treiben die beiden hinter den geschlossenen Jalousien?

Kann es sein, dass die Zeit Augen hat? Dass im Universum unendlich viele Zeitaugen entstehen und vergehen? Zeitaugen, die aus schwarzen Löchern kommen wie Seifenblasen aus der Schaumdose. Alles hat einen Urknall, eine Größe, eine Stunde. Eine Geschichte oder keine, einen Untergang. Die Zeit hat Augen. Immer andere Augen. Immer andere Augen. […] Wir spüren, wie die Zeit uns anblickt. Eine böse Zeit hat einen bösen Blick. (Seite 130)

FORM: Behnerts Sprache ist wunderbar poetisch. Die Worte werden regelrecht zerkaut und geschmeckt, alles ist sehr intensiv und atmosphärisch. Die Szenen sind voller Bilder und Metaphern; ein sehr dichter Text, der von der ersten bis zur letzten Seite eine ganz besondere Stimmung heraufbeschwört, der ich mich nur schwer entziehen konnte. Als parallele Ebene wird auch die deutsche Geschichte beleuchtet: Der Roman spielt 1977, also mitten im Deutschen Herbst, und die Person Andreas Baaders ist sehr geschickt in die Handlung eingeflochten.

FAZIT: Allerdings gibt es eine Sache, die mich die ganze Lektüre gestört hat und die ich als großen Schwachpunkt dieses ansonsten bemerkenswerten Romans ansehe: Die Figuren sind einfach nicht glaubwürdig, und zwar wegen ihres Alters. Die Atmosphäre, die Sprache, die Geschichte… alles wunderbar. Aber dann fällt mir wieder ein: Wie alt sollen die nochmal sein? Die beschriebenen Gedanken sind für einen Jugendlichen, der sich gerade mal über sein erstes Schamhaar freut, einfach zu hoch, zu philosophisch, zu komplex. Die Taten, die in diesem Buch geschildert werden, sind für einen Dreizehnjährigen einfach zu brutal, die Gründe für die Taten zu morbide. Schade; ansonsten großartig … 4 Sterne.

Ich kehre ihr den Rücken zu und gehe an die Bordsteinkante. Wenn sie mich jetzt stößt, ist das das große Gesetz. Das Grässliche meiner brechenden Knochen geht unter im Kreischen der Busbremsen. Meine Rippen bohren sich in meine Lungen wie Messer. Ich werde zertrümmert. Oder sie rettet mich. Ich weiß nicht, was kommt. Ich denke an Tildas flammendrote Haare. Sie steht hinter mir. Ihre Haare waren von gewaltiger Schönheit. (Seite 251)

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