José Saramago | EINE ZEIT OHNE TOD

P 2005 | 256 Seiten
OT: »As intermitências da morte«
aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Atlantik Verlag
ISBN: 978-3-455-65040-2

Am darauffolgenden Tag starb niemand. (Seite 7)

INHALT: In einem kleinen Königreich verweigert der Tod pünklich zum neuen Jahr seinen Dienst – es stirbt niemand mehr. In den ersten Tagen halten es die Menschen für einen Zufall, doch nach einer Woche glaubt keiner mehr daran. Moribunde, denen man im alten Jahr nicht einmal mehr Stunden prophezeit hatte, verharren in ihrem halbtoten Zustand. Unfallopfer mit schwersten Verletzungen bleiben gegen jede biologische Regel am Leben. Zuerst gehen die Bestatter auf die Barrikaden, da sie nichts mehr verdienen, dann wird auch die Regierung wach. Die Kirche glaubt, das Ende sei nahe, die Philosophen und Gelehrten überschlagen sich in ihren Prophezeihungen. Kurz: Das Land steht Kopf.

Einer Familie im Grenzbereich des Landes, die selbst zwei Todgeweihte zu bedauern haben, gelingt es, ihre Ärmsten heimlich über die Grenze zu schaffen. Denn im Ausland, so die Gerüchte, sterbe man nach wie vor fröhlich vor sich hin, so wie von der Natur gedacht. Und siehe da: Nach nur einem Schritt ins Nachbarland, erliegen die tapferen Seelen ihren Leiden und steigen auf ins Himmereich – Was für ein Segen! Dieser Trick macht schnell die Runde, doch genauso schnell bildet sich eine Organisation von Schleppern – die Maphia (sic!) – die mit ihren Erlösungsfahrten Millionen scheffeln. Der König sieht sich gezwungen, seine Grenzen militärisch zu sichern und es kommt zu Unruhen.

Sieben lange Monate bleibt der Tod dem Königreich fern, bis er sich selbst zu Wort meldet. Seine Absenz war ein Experiment und er ist von der Menschheit, die in Hysterie und Chaos versinkt, so schwer enttäuscht, dass er die Regeln ändert. 1.) Ab Mitternacht, werden auf einen Schlag all diejenigen sterben, die in den letzten Monaten eigentlich das Zeitliche hätten segnen müssen. 2.) In Zukunft wird er jedem, der sterben wird, einen Brief zukommen lassen, nach dessen Erhalt eine Wochenfrist beginne, in der er alles regeln könne. Gesagt, getan: Nach Mitternacht fallen zigtausende Menschen tot um, und jeden weiteren Tag bekommen hunderte Weitere je einen violetten Brief zugestellt. Doch ein Brief, ein einziger, kommt immer wieder zum Tod zurück. Der Tod erklärt diesen Sonderfall zur Chefsache.

FORM: José Saramago (1922-2010) liefert mit diesem Roman ein vielschichtiges Spätwerk ab. Die Sätze sind gewohnt verschlungen, der Blick in die menschlichen Abgründe wie immer messerscharf, alles gewürzt mit einer ordentlichen Brise sarkastischem Humor. Die zahlreichen Figuren bleiben namenlos, auch wenn einzelne aus der Masse hervorstechen, wie zum Beispiel der König oder der Premierminister. Einzig der Tod, die Unperson höchstselbst, bekommt eine Persönlichkeit und einen Namen: tod, mit kleinem T. Und er ist eine Dame – tod die Todesdame, die zum Schluss sogar in Menschengestalt auf der Erde wandelt. Ironischer kann man sein Personal kaum ersinnen.

Saramago lässt – wie schon in seinem Bestseller STADT DER BLINDEN (1995) – eine riesige Gruppe Menschen, quer durch alle sozialen Schichten, mit einer nie dagewesenen, widernatürlichen Situation kollidieren und schaut zu, wie sie damit umgehen. Er exerziert alle möglichen Szenarien durch, lässt seine Figuren leiden und sterben – oder eben auch nicht –, und schreibt alles auf, wie ein ernsthafter Wissenschaftler im Labor … oder ein diabolisches Kind beim Fluten eines Ameisenhaufens. Die Ergebnisse aus diesen Forschungen jedenfalls, egal ob politischer, sozialer oder philosophischer Natur, sind erhellend und unterhaltsam zugleich.

FAZIT: Volle Punktzahl für diesen unglaublich komplexen Roman. Bisher kannte ich nur DIE STADT DER BLINDEN (grandios) und DER DOPPELGÄNGER (sehr zäh und trocken). EINE ZEIT OHNE TOD hat mir aber wieder Lust auf mehr Bücher des Nobelpreisträgers gemacht; ein paar habe ich auch schon bereit liegen.


https://i1.wp.com/www.hoffmann-und-campe.de/uploads/julius/9783455650402.jpgIch danke dem Atlantik-Verlag für das Rezensionsexemplar. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

12 Gedanken zu “José Saramago | EINE ZEIT OHNE TOD

  1. Dann sollte es jetzt mit „Die Stadt der Sehenden“ weitergehen. Das wäre zur aktuellen „Neuwahl, oder nicht?-Situation“ eine sehr passende Lektüre!!! Da bleiben die Wahlzettel nämlich alle weiß….
    Saramago mag ich auch sehr. Er hat so eine märchenonkelhafte Art zu Erzählen, obwohl er ja immer sozialkritische Themen anpackt. Ein würdiger Nobelpreisträger, dessen „Stadt der Blinden“ für mich zu den besten Büchern gehört. Grüße in den Norden!

    Gefällt 2 Personen

    • Danke für den Tipp! Der Atlantik-Verlag bringt gerade eine hübsche Saramago-Reihe heraus; vielleicht ist DIE STADT DER SEHENDEN bald dabei. Mein nächster wird wohl DIE GESCHICHTE DER BELAGERUNG VON LISSABON werden. Trotz dem das Buch bald dreißig Jahre auf dem Buckel hat, gibt es auch hier aktuelle Bezüge: Fake-News und Alternative Fakten – Saramago war ein Visionär!
      Beste Grüße! Bookster HRO

      Gefällt 2 Personen

  2. „Stadt der Blinden“ kenne ich auch – zwar nicht das Buch gelesen, aber den Film zum Buch gesehen. Für mich war er ziemlich bedrückend, auch etwas verstörend. aber ich mag die Schauspielerin Julianne Moore (in der weiblichen Hauptrolle), deshalb habe ich ihn mir angesehen.
    Doch einen Buch von José Saramago habe ich auch in meinem Bücherregal stehen: „Alle Namen“ – bis jetzt aber noch nicht gelesen. Noch gut, dass Bücher so „geduldig“ sind 🙂 !

    Gruß
    Frieda

    Gefällt 1 Person

      • Oh, das ist toll! Mich „starrt“ dieses Buch aus dem Regal schon seit einiger Zeit an – zumindest habe ich jedes Mal das Gefühl, wenn ich daran vorbeigehe. Ich weiß nicht, ob du vielleicht auch dieses Gefühl kennst…?
        Und dann nehme ich mir immer vor, als Nächstes wirklich dieses Buch zu lesen. Aber schlussendlich landet immer wieder ein Anderes durch eine Empfehlung in meinen Händen. „Alle Namen“ muss weiter warten und es blickt mich weiterhin vorwurfsvoll aus dem Regal an.
        Aber jetzt, jetzt lege ich dieses Buch mal auf den Schreibtisch, direkt vor meiner Nase, damit sich kein anderes Buch mehr dazwischen drängeln kann, wenn ich mit „Die Hauptstadt“ endlich fertig bin. Dass auch du „Alle Namen“ im Regal stehen hast, motiviert mich, diesen Roman endlich zu lesen! Danke!

        Liebe Grüße
        Frieda

        Gefällt 1 Person

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