Ernest Hemingway | IN EINEM ANDEREN LAND

USA 1929 | 394 Seiten
OT: »A Farewell to Arms«
Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Rowohlt Verlag
978-3-498-03019-3

Im Spätsommer dieses Jahres waren wir in einem Haus in einem Dorf mit Blick über den Fluss und die Ebene zu den Bergen. (Seite 9)

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass sich in vielen Jahren rund ein Dutzend Hemingway-Bücher in meinem Regal angesammelt hat, ich aber erst zwei davon gelesen habe. Jetzt,  im Hemingway-Jubiläumsjahr – er wäre 120 Jahre alt geworden –, möchte ich endlich ein paar Bildungslücken schließen und habe dafür seinen zweiten Roman IN EINEM ANDEREN LAND auserkoren, der zuletzt in einer Neuübersetzung bei Rowohlt erschienen ist.


Die Geschichte ist sicher hinlänglich bekannt: Der amerikanische Leutnant Frederic Henry dient im Ersten Weltkrieg in der italienischen Armee als Sanitäter. Dort lernt er die englische Krankenschwester Catherine Barkley kennen. Bei einem Angriff der Österreicher auf den italienischen Stützpunkt wird Frederic verwundet und kommt in ein Lazarett in Mailand, wo ihm mehrere Monate der Genesung gewährt werden. Catherine wird ebenfalls nach Mailand versetzt, die beiden beginnen eine Liebesaffäre und genießen die ruhige Zeit in der schönen Stadt.

Als Frederic zurück an die Front muss – Catherine, im dritten Monat schwanger, bleibt in Mailand –, erlebt er die Schlacht von Caporetto, bei der die Italiener überrannt werden und den Rückzug antreten müssen. Auf der Flucht gerät er nach vielen Strapazen in Gefangenschaft, aus der er sich befreien kann. Er schlägt sich auf Güterzügen nach Mailand durch, um Catherine zu finden und mit ihr das Land zu verlassen. Als Zivilisten gekleidet setzen sie eines Nachts in einem Ruderboot – Frederic mit unmenschlichem Kraftaufwand, Catherine hochschwanger – auf dem Lago Maggiore in die Schweiz über, auf deren neutralen Boden sie einen Neubeginn wagen. Aber auch der steht unter keinem guten Stern.


Es ist wohl kaum möglich, diesen Roman zu betrachten, ohne auch einen Blick auf Hemingways aufregendes Leben zu werfen, aus dem sich der Autor für seine Bücher immer reichlich bediente. Auch er war in der italienischen Armee, wurde verwundet und lag in einem Mailänder Krankenhaus. Sogar die Liebschaft zur einer Krankenschwester hat es gegeben, aber anders als im Roman gab es für Hemingway und seine Angebetete keine gemeinsame Zukunft. Nach seiner Genesung kehrte er nach Amerika zurück, und sie brannte mit einem italienischen Offizier durch.

Hemingways schnörkelloser und nüchterner Schreibstil ist epochal und auch in diesem Frühwerk schon deutlich zu erkennen. Keine Spielereien, keine Innenansichten; es wird nur erzählt, was passiert, alles andere entsteht im Kopf der Leserschaft. Die Schrecken des Krieges und das Aufkeimen der Liebe stehen dabei im krassen Gegensatz. Für die heutigen, gängigen Lesegewohnheiten wirkt das mitunter arg trocken, aber wenn man die neunzig Jahre, die der Roman schon auf dem Buckel hat, berücksichtigt, fällt das nicht ins Gewicht. Das Einzige, was mir wirklich sauer aufstieß, waren die ewiglangen Liebesbekundungen zwischen Frederic und Catherine. Da ist seitenweise zu lesen, wie glücklich sie sind, wie schön sie sich finden und wie gut es ihnen geht. Ich bin mir des Stellenwertes dieses Romans in der Weltliteratur durchaus bewusst, aber diese Turteleien sind extrem redundant und ich bezweifele, dass sie es vor neunzig Jahren noch nicht gewesen sein sollen.

Aber davon mal abgesehen ist IN EINEM ANDEREN LAND natürlich äußerst lesenswert. Es ist (Anti-)Kriegslektüre und tragische Liebesgeschichte in einem, und ich bin froh, endlich diese Wissenslücke geschlossen zu haben.

Wenn Menschen dieser Welt mit so viel Mut begegnen, muss die Welt sie töten, um sie zu brechen, und natürlich tut sie das und tötet sie. Die Welt bricht jeden, und viele sind nachher stark an den gebrochenen Stellen. Aber die nicht brechen wollen, tötet sie. (Seite 299)


9783498030193IN EINEM ANDEREN LAND erschien beim Rowohlt-Verlag in der optisch sehr ansprechenden Reihe der Hemingway-Neuübersetzungen. Alle Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet Ihr mit einem Klick aufs Cover (no-affiliate). Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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