Julia Franck | DIE MITTAGSFRAU

D 2007 | 430 Seiten
Fischer Verlag
ISBN: 978-3-100-22600-6

Auf dem Fensterbrett stand eine Möwe, sie schrie, es klang, als habe sie die Ostsee im Hals, hoch, die Schaumkronen ihrer Wellen, spitz, die Farbe des Himmels, ihr Ruf verhallte über dem Königsplatz, still war es da, wo jetzt das Theater in Trümmern lag. (Seite 9)

INHALT: Stettin 1945, Peter ist mit seiner Mutter auf der Flucht vor der Roten Armee Richtung Westen. Auf einem Bahnhof in Pasewalk setzt sie ihn auf eine Bank und sagt ihm, er solle sitzen bleiben und auf sie warten, sie sei gleich wieder da. Er wartet und wartet, vergebens, sie kehrt nie zu ihm zurück. Was eine Frau dazu bewegt, ihren Jungen in den Wirren der Nachkriegszeit und der Flucht allein zurückzulassen, wird nach diesem bitteren Epilog in Form einer Rückblende über die letzten dreißig Jahre ergründet.

Die junge Helene, schön und begabt, wächst mit ihrer Schwester Martha in Bautzen als Tochter der psychisch labilen Selma auf, die mit zunehmendem Alter immer neurotischer und paranoider wird. Selma beginnt sich einzuigeln und begegnet ihrer Umwelt, insbesondere ihren Töchtern, mit emotionaler Kälte und offener Feindseligkeit. Als der Vater schwer versehrt aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrt und nach langem Kampf seinen Verletzungen erliegt, zerbricht die Familie gänzlich. Helene und ihre Schwester nutzen einen glücklichen Umstand zu ihrer wohlhabenden Tante nach Berlin überzusiedeln. Dort erleben sie die brodelnde Metropole der Golden Twenties, ein Leben voller Spaß und Rausch, dem sich Martha nur schwer entziehen kann und auf der Strecke bleibt, während Helene in Carl ihren Mann fürs Leben findet. Doch das Schicksal schlägt abermals zu und Carl kommt kurz vor der gemeinsamen Hochzeit bei einem Unfall ums Leben. Daraufhin erstarrt Helene innerlich, etwas in ihr geht kaputt und sie gerät in genau den glück- und freudlosen Zustand, an den sie ihre Mutter verlor. Auch die spätere Ehe mit Wilhelm, einem erfolgreichen Ingenieur, der sich als sadistischer Tyrann entpuppt, und die Geburt ihres Sohnes ändern nichts an ihrer inneren Kälte. Dann bricht der Zweite Weltkrieg aus und alles scheint verloren…

FORM: Julia Franck schreibt sehr dicht, komplex und verschachtelt – kunstvoll aber nicht gekünstelt. Die Sprache wirkt leicht antiquiert, was gut zur beschriebenen Zeit passt. Zwar brauchte ich ein paar Kapitel, um mich vollends auf diesen Stil einzulassen, konnte ihm dann aber sehr viel abgewinnen. Parallel zur zunehmenden Kälte Helenes wird auch Francks Sprache kälter und emotionsloser, beschränkt sich zum Ende hin nur noch auf äußerliche Beschreibungen, ohne dabei ihre Figuren zu verlassen, und lässt den Leser bewusst mit den notwendigen Deutungen allein. Das alles durchweg auf hohem sprachlichen Niveau.

FAZIT: Nach ein paar Startschwierigkeiten und ohne dass ich vorher viel von diesem Roman gehört oder erwartet hatte, packte es mich wie selten ein Buch. Eine zutiefst erschütternde und traurige Geschichte, die ich so schnell nicht vergessen werde. Ganz große Literatur – Fünf Sterne.

Peter legte sich auf den Rücken. Das Stroh kitzelte ihn im Nacken. Die Dunkelheit besänftigte, er war ganz ruhig. (Seite 430)

Ein Gedanke zu “Julia Franck | DIE MITTAGSFRAU

  1. Klingt sehr spannend, danke für die Besprechung. Peter’s Geschichte hat sehr viel Aehnlichkeit mit der Geschichte des Vaters einer Freundin von mir, der von seiner Mutter bei Verwandten im Amerikanischen Sektor gelassen wurde und sie nie wieder gesehen hat. Ich habe ihr den Link geschickt 🙂

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