Richard Ford | DER SPORTREPORTER

USA 1986 | 525 Seiten
OT: »The Sportswriter«
Aus dem Amerikanischen von Hans Hermann
Deutscher Taschenbuchverlag
ISBN: 978-3-423-14271-7

Ich heiße Frank Bascombe. Ich bin Sportreporter. (Seite 5)

Bevor ich mit der Besprechung des vorliegenden Romans beginne, noch ein paar Worte zur Frankfurter Buchmesse. Als Allererstes nochmals ein ganz großes Dankeschön an Euch, liebe Leser, für Eure Stimmen zur Nominierung meines Blogs zum diesjährigen Buchblog-Award! Auch wenn es am Ende nicht für das Siegertreppchen gereicht hat, hatte ich eine sehr aufregende Zeit auf der Messe, insbesondere während der Preisverleihung, wo ich ohne Euch nicht gelandet wäre. Ich kam mit vielen Menschen in Kontakt, hatte interessante Gespräche und konnte endlich einige Bloggerkollegen und -kolleginnen persönlich kennenlernen, was mir sehr wichtig war. Auch bekam ich von den unterschiedlichsten Seiten viel Zuspruch, was natürlich immer eine große Motivation und Wasser auf meine Mühlen ist. Also: Vielen Dank und liebe Ostseegrüße an alle, mit denen ich in Frankfurt zu tun hatte und alle, die meinem Blog die Treue halten!

Als Gegengewicht zu der Flut an Neuerscheinungen – der man auf einer Buchmesse unweigerlich ausgesetzt ist –, hatte ich mir mit DER SPORTREPORTER von Richard Ford einen Roman herausgesucht, der mit über dreißig Jahren auf dem Buckel schon als american classic gelten kann und den ich schon immer mal lesen wollte. Ich las in dem Buch sowohl während der langen An- und Abreise, als auch jeden Tag im Pendelzug zwischen Frankfurt und Würzburg, wo ich während der Messezeit untergebracht war. (Einen lieben Gruß an dieser Stelle an M.&C.; ich habe mich bei Euch sehr wohl gefühlt!)


Worum geht es: Frank Bascombe – ein ehemaliger Schriftsteller Ende dreißig, der seit dem Verkauf einiger Storyrechte an Hollywood finanziell unabhängig ist und sich seitdem mit dem Schreiben von Sportreportagen die Zeit vertreibt – gehört, um es sportlich auszudrücken, eher zur defensive line. Seit dem Tod seines Sohnes im zarten Alter von neun Jahren und der darauffolgenden Scheidung lebt er antriebslos und zurückgezogen in einem Vorort von New York City, geht hin und wieder mal eine Beziehung ein und reist ab und zu in andere Städte, um gealterte Ex-Profisportler zu interviewen. Die einzigen Freizeitbeschäftigungen sind gelegentliche Treffen mit den Mitgliedern des Klubs der Geschiedenen Männer, der aus einer Handvoll Nachbarn besteht, die alle paar Wochen zum Angeln fahren. Die wichtigste Regel des Klubs lautet, dass nicht über Gefühle gesprochen wird – eine Regel, die Bascombe nur zu gern befolgt. Und so plätschert das Leben an ihm vorbei, ohne Reibung, ohne Aufwand, eine trügerische Zufriedenheit vermittelnd.

Als außenstehendem Leser wird einem schnell klar: Frank Bascombe hat schwerwiegende Probleme mit seinem Gefühlshaushalt; hier wird mehr verdrängt, als es für einen Mann mit seinem Intellekt gut sein kann. Unter seiner bräsigen Zufriedenheit brodelt eine tiefe Trauer, die er sich nie eingestanden hat; es fehlt nur ein kleiner Schubser, ein winziger Schlag des Schicksals, und es bricht aus ihm heraus. Und genau solche Schläge stehen dem armen Mann bevor, denn Richard Ford lässt seinen Titelhelden innerhalb weniger Tage – erzählt wird nur der Zeitraum eines Osterfestes – von einer Katastrophe in die nächste stolpern: Seine Freundin macht mit ihm Schluss, ein Interview mit einem Ex-Football-Star wird zum Debakel, seine Ex-Frau geigt ihm gehörig die Meinung und – der wohl herbste Schlag – ein Freund nimmt sich direkt nach einem Gespräch mit ihm das Leben.

Der Weg zur Läuterung, den Bascombe in den besagten Ostertagen gehen muss, ist amerikanische Literatur der feinsten Sorte. Richard Ford hat mit Frank Bascombe eine unfassbar tiefe und interessante Figur geschaffen – zerrissen, fehlerhaft, empfindlich –, die sich Schulter an Schulter in eine Reihe mit Philip Roths Nathan Zuckerman und John Updikes Harry »Rabbit« Angstrom stellen kann. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive mit jeder Menge Rückblenden zu den wichtigen Punkten in Bascombes Leben, das viele Parallelen zu Fords Vita aufweist. Auffallend sind hier die eingeschobenen Anekdoten während der Dialoge: Gefühlt jeder zweite Satz des Gegenübers beschwört eine Erinnerung in Frank herauf, die erzählt werden muss. Das zieht die Dialoge ewig in die Länge, verrät aber auch viel über alle Figuren.

Einziger Wermutstropfen bei diesem ansonsten großartigen Roman ist die übel angestaubte Übersetzung, die für kommende Auflagen entweder stark überarbeitet oder gleich neu in Auftrag gegeben werden sollte. (Und ich rede hier nicht vom N-Wort, denn das gehört zur hochnäsigen Seite Bascombes und wirkt authentisch.) Was mich auf Dauer extrem störte, war das notorische Übersetzen von Begriffen, die mittlerweile eingedeutscht sind, besonders aus dem Bereich des Sports (Rückraum statt backfield, Spielerbörse statt Draft, usw.). Vielleicht gibt es ja mal Pläne für eine Neuübersetzung – mich würd’s freuen.

Frank Bascombe ist die Hauptfigur einer ganzen Reihe von Romanen und Novellen Richard Fords, die auch schon seit Jahren in meinem Bücherregal stehen und vor sich hingilben. Ich bin froh, endlich mal die Gelegenheit genutzt zu haben, mit diesem ersten Roman den Anfang zu machen und eine Figur kennengelernt zu haben, die sich ihren Platz in der Literaturgeschichte redlich verdient hat. Fortsetzung folgt…


9783423142717

DER SPORTREPORTER ist als Taschenbuch bei dtv erhältlich, alle weiteren Informationen findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

7 Gedanken zu “Richard Ford | DER SPORTREPORTER

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