Ingo Schulze | ADAM UND EVELYN

D 2008 | 320 Seiten
Berlin Verlag
ISBN: 978-3-8270-0810-7

Plötzlich waren sie da, die Frauen. Sie erschienen aus dem Nichts, angetan mit seinen Kleidern, Hosen, Röcken, Blusen und Mänteln. Manchmal war ihm, als träten sie aus dem Weiß hervor oder als wären sie einfach aufgetaucht, als hätten sie endlich die Oberfläche durchbrochen und sich gezeigt. Er musste nur die Schale mit der Entwicklungsflüssigkeit etwas ankippen, mehr brauchte er nicht zu tun… (Seite 11)

INHALT: Altenburg im Spätsommer 1989. Adam, Damenmaßschneider, Hobbyfotograf und Schwerenöter, wird von seiner Freundin Evelyn bei einem Seitensprung erwischt. Evelyn fährt daraufhin mit ihrer Freundin und deren Cousin nach Ungarn an den Balaton; ein Urlaub, den sie ursprünglich mit Adam geplant hatte. Adam reist den dreien kurzerhand hinterher und macht in der Tschechoslowakei Bekanntschaft mit Katja, die bei einem Fluchtversuch durch die Donau in den Goldenen Westen all ihre Papiere verloren hat. Er schleust sie illegal über die Grenze nach Ungarn und holt Evelyn und die anderen am Balaton wieder ein. Just zu dieser Zeit öffnet Ungarn die Grenze zu Österreich und alle nutzen die Gelegenheit, dem Ostblock zu entfliehen und ein neues Leben anzufangen, selbst Adam, der eigentlich gar nicht weg wollte…

…Erst war nichts und dann etwas, auf einmal war es da. Doch der Augenblick zwischen dem Nichts und dem Etwas ließ sich nicht fassen, ganz so als gäbe es ihn nicht. (Seite 11)

FORM: Der Text ist bis auf ein paar Ausnahmen sehr dialoglastig; ganze Seiten bestehen nur aus wörtlicher Rede und nur selten wird erwähnt, wer überhaupt gerade spricht. Wirklich narrativ erzählt wird nur das Nötigste, dies dann zwar sehr nüchtern, aber voller Metaphern. Die Kapitel sind mit fünf, sechs Seiten recht kurz, auffällig ist aber, dass wichtige Ereignisse zwischen den Kapiteln stattfinden (soll heißen: nicht erzählt werden) und man sie sich durch die folgenden Seiten zusammenreimen muss…

FAZIT: …was den Lesespaß allerdings keineswegs trübt. Mir hat Schulzes Wenderoman (oder ist es ein Flüchtlingsroman?) sehr gut gefallen. Die Dialoge sind realitätsnah, die Figuren mit all ihren Schwächen und Sehnsüchten wunderbar gezeichnet. Die Nähe der Namen zur Bibelgeschichte um Adam und Eva kommt natürlich nicht von Ungefähr und gibt dem Ganzen eine tiefere Bedeutungsschicht, was den Roman zu etwas Besonderem macht. Rundum gelungen – fünf Sterne.

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