Mein Lesejahr 2020

Letzte Herausforderung:
Schreibe einen Jahresrückblick ohne das C-Wort…

Leute, Leute, was für ein Jahr! Lesungen wurden abgesagt, Konzerte verschoben, Messen sind ausgefallen. Social Distancing, Maskenpflicht, Lockdown – alles Begriffe, die innerhalb kürzester Zeit den Alltag bestimmten. 2020 war ein Jahr zum Abhaken, zum Ausradieren, zum Zerknüllen und Wegschmeißen, allerdings auch eines, an das man sich noch in Jahrzehnten erinnern wird.

Dabei kann ich mich persönlich gar nicht groß beschweren – da gab es in meinem Bekanntenkreis sehr viel härtere Schicksalsschläge –, denn weder beruflich noch privat hat mich der Lockdown merklich in die Knie gezwungen. Ich hatte das ganze Jahr meine Familie und gute Freunde um mich – wenn auch in manchen Fällen eher online – und mein Job hat sich als krisensicher entpuppt. Dennoch fehlte mir natürlich die Kultur, die Lesungen, die Treffen in den Kneipen, das Quatschen und Lachen. Stattdessen war ich viel allein unterwegs, bin so viel Fahrrad gefahren wie nie zuvor und habe seit Ewigkeiten mal wieder die Laufschuhe aus dem Schrank geholt. Außerdem gab es viele aufregende Nebentätigkeiten: Einladungen in Literatursendungen im Radio, einen Auftritt im NDR-Nordmagazin und eine Reihe an Gastbeiträgen in Literaturzeitschriften. Sehr spannend war auch die dritte Finalteilnahme in Folge für den Buchblog-Award. (Vielen Dank nochmal an alle, die für mich gestimmt haben!) Rückblickend ging es 2020 also doch recht munter zu. Gelesen habe ich seltsamerweise nicht mehr und nicht weniger als im letzten Jahr – wieder so um die 16.000 Seiten –, wobei ich die ganzen Leseproben und Manuskripte für den diesjährigen Blogbuster-Preis mal nicht mitberechne.

Ebenjener Preis war für mich in diesem Jahr das absolute Highlight. (Ich danke nochmals den Initiatoren dieses großartigen Wettbewerbs – es war mir eine große Freude, dabei gewesen zu sein!) Im Januar und Februar durfte ich mich als Teil der Blogger-Jury durch knapp dreißig Leseproben unveröffentlichter Romane wühlen, wählte dann die fünf vielversprechendsten Proben aus und ließ mir die kompletten Manuskripte schicken. Ich entschied mich schlussendlich für den Roman GRUND der Berlinerin Sylvia Wage und reichte den Titel in die Longlist ein, wo die anderen acht Kandidaten schon warteten. (Ganz knapp vor dem ersten Lockdown habe ich mich mit Sylvia noch in einem Berliner Café getroffen, um sie persönlich kennenzulernen und ihr zu sagen, dass sie im Rennen ist; ein paar Tage später war schon alles dicht.) In den Folgemonaten machte sich eine Fach-Jury über die Longlist her und meißelte eine aus drei Titeln bestehende Shortlist heraus – GRUND war immer noch dabei –, und im September schließlich das große Finale … das eigentlich auf der Frankfurter Buchmesse hätte stattfinden sollen, stattdessen halt online per Zoom. Alle sind zugeschaltet, Vorstellung der Jury, der Autorinnen und ihren Blog-Paten und -Patinnen, Gespräche, Begründungen, dann die Verkündung, Spannung, Trommelwirbel, Tadaaa! – GRUND hat die Jury überzeugt und gewinnt den Preis, der aus der Veröffentlichung beim Eichborn Verlag besteht! Jubel, Freudentränen, Korkengeknalle! Was für ein Abend! Sylvia war sichtlich von den Socken; ich habe die ganze Zeit nur noch gegrinst. Der Roman macht derzeit den üblichen Spießrutenlauf durch Lektorat und Korrektorat, bekommt dann noch ein passendes Cover sowie einen Klappentext und wird im Herbst 2021 bei Eichborn erscheinen. Eigentlich müsste ich sagen, dass GRUND mein Buch des Jahres ist, weil es mich wie kein anderes beschäftigt und auf Trab gehalten hat, aber da es noch nicht auf dem Markt ist, muss ich mich noch gedulden. Eins könnt Ihr mir glauben: Ich sehne den Tag der Veröffentlichung herbei und bin extrem gespannt, wie die Rezeption ausfallen wird, wie die Leserschaft, die Blogs und die Kritik den Roman aufnehmen werden. Das wird ein aufregender Herbst…


Apropos Buch des Jahres: Wie immer an dieser Stelle möchte ich meine diesjährige Top-Ten verkünden. Fünfundvierzig Rezensionen kamen 2020 auf diesem Blog hinzu, von denen die meisten positiv ausgefallen sind. Vierzig davon waren Neuerscheinungen, darunter drei Neuübersetzungen älterer Romane, und fünf Mal habe ich in die Backlist gegriffen. Das Autor-Autorin-Verhältnis liegt bei 21:24, es gibt also ein leichtes Übergewicht von Romanen aus weiblicher Hand. (Für mich ist dieser Wert eigentlich völlig irrelevant – ich lese immer nur, was mich interessiert, egal wer es geschrieben hat –, aber in den letzten Jahren stoße ich gerade in der Blogosphäre immer wieder auf Posts, die das zum Thema machen. Hier also die Entwarnung: Bei mir ist alles in der Balance.) Aus all den Büchern eine Top-Ten auszuwählen war dieses Jahr recht schwierig. Manchmal verschwinden Romane, die mir während der Lektüre richtig gut gefallen haben, nach ein paar Wochen aus meinem Gedächtnis, und manchmal hallen andere noch ewig nach, obwohl sie beim Lesen eher unspektakulär waren. Hier also meine Liste in der Reihenfolge der Lektüre, verlinkt zu den entsprechenden Rezensionen:

Franziska Hauser | DIE GLASSCHWESTERN
Tanya Tagaq | EISFUCHS
JJ Amaworo Wilson | DAMNIFICADOS
Karosh Taha | IM BAUCH DER KÖNIGIN
Torsten Nagelschmidt | ARBEIT
Samantha Schweblin | HUNDERT AUGEN
Petra Piuk | WENN ROT KOMMT
Maria Popova | FINDUNGEN
Helena Adler | DIE INFANTIN TRÄGT DEN SCHEITEL LINKS

Moment! Das waren nur neun Bücher, und wer meinen Blog aufmerksam verfolgt, kann sich auch schon denken, welches da noch fehlt. Lange habe ich auf diesen Roman gewartet und als er endlich erschien, habe ich jede der knapp tausend Seiten genossen. Es ist ein episches Werk, das vor Fabulierlust und Sprachmacht glänzt wie kein zweites. Meine persönliche Auszeichnung Buch des Jahres – zum Ausdrucken und Einrahmen – geht an:

Rolf Lappert | LEBEN IST EIN UNREGELMÄSSIGES VERB.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Rolf! (GoHawks!)


Einen richtigen Reinfall habe ich dieses Jahr nicht erlebt. Die Romane von Jasmin Schreiber, Anna Katharina Hahn und Olga Grjasnowa haben mir zwar nicht nicht so zugesagt, waren aber im Nachhinein keine so üblen Enttäuschungen, wie ich sie in den Jahren davor ab und an unter die Lesebrille bekam – ich halte das übrigens für ein gutes Zeichen. Mir wird in regelmäßigen Abständen hinter vorgehaltener Hand zugeraunt, dass ich zu wenig Verrisse schriebe, dass ich unkritisch sei und mir zu viele meiner Lektüren gefielen – ich könne quasi jedem Schmus etwas Positives abgewinnen. Tja, was soll ich sagen? Bin halt ’n positiver Mensch. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass ich selten Romane bespreche, die ich eigentlich gar nicht lesen wollte, die mir ungefragt zugeschickt wurden oder Teil einer Veranstaltungsreihe sind. (Bestes Beispiel: Die LiteraTour Nord, bei der jedes Jahr Titel dabei sind, die ich nie aus eigenem Antrieb gelesen hätte.) Verrisse schreiben kann Spaß machen und sie werden auch gern gelesen – meine Tiraden gegen DER ZOPF oder den RÜCKWÄRTSWALZER sind seit langer Zeit zwei der meistgeklickten Beiträge auf meinem Blog –, aber nur, um mal Dampf abzulassen, gute Bücher schlecht reden? Das ist nicht mein Ding. Ich mache einfach so weiter, wie es mir am liebsten ist.

Macht Ihr das auch und kommt gut ins neue (und mit Sicherheit bessere) Jahr!
Liebste Grüße von der Ostsee!
Euer Bookster aus Rostock


CORONA!
(Ach Mist, jetzt ist es mir doch noch rausgerutscht!)

7 Gedanken zu “Mein Lesejahr 2020

  1. Guck mal, immerhin ein Roman ist auch auf meiner Top-Liste, nämlich Arbeit. Ansonsten mach mal genauso weiter wie bisher, ich will hier gar keine Veränderungen 🙂 komm gut rüber ins neue Jahr und irgendwann wieder auf einen komplett echten Kaffee!

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  2. Ich schreibe auch fast nie über Bücher, die ich weniger gelungen fand, sondern viel lieber über die, die mich beeindruckt haben und denen ich viele Leser:innen wünsche. Darin liegt für mich persönlich auch ein Sinn von Literaturblogbeiträgen: das Gute in die Welt zu bringen, weil es einfach schon zu viel Kloppe gibt im digitalen Raum.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für das Feedback! Ich rezensiere immer alle Bücher, die ich lese, da kommt ein Verriss schonmal vor. Wenn mir ein Buch nicht gefällt, mag ich das nicht schönreden. Aber ich versuche dabei möglichst sachlich zu bleiben und klar zu beschreiben, wo es hakt. Ich will ja niemanden beleidigen oder so, das ist nicht meine Art.
      LG

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