Lukas Bärfuss | HAGARD

CH 2017 | 173 Seiten
Wallstein Verlag
ISBN: 978-3-8353-1840-3

Seit viel zu langer Zeit versuche ich, Philips Geschichte zu verstehen. Ich will das Geheimnis lüften, das in ihr verborgen ist. (Seite 7)

INHALT: Philip, erfolgreicher Immobilienmakler mittleren Alters, entschließt sich aus einer Laune heraus, eine Frau zu verfolgen, die er noch nie vorher gesehen hat. Im alltäglichen Berufsgedränge ist sie ihm aufgefallen wie ein helles Licht in dunkler Nacht. Er lässt sie nicht mehr aus den Augen, sagt kurzerhand alle Termine ab und verfolgt sie durch die halbe Stadt bis vor ihr Haus, vor dem er die Nacht verbringt. Unglückliche Zufälle lassen ihn am nächsten Morgen seine Papiere verlieren, die Hälfte seines Schuhwerks, er sieht schlimm aus und riecht unangenehm, aber von seiner Angebeteten kann er nicht mehr lassen – längst ist aus dem kleinen Abenteuer eine Obsession geworden, ein Zwang, der ihn an den gesellschaftlichen Rand und schließlich auch in den Ruin treiben könnte.

FORM: Was Lukas Bärfuss (*1971) hier auf rund 170 Seiten zwischen zwei Buchdeckel quetscht, ist eine Mischung aus Psychogramm und surrealem Thriller. In teils komisch-skurrilen, teils unheimlichen Szenen lässt er den willenlosen Helden seiner irrlichternen Göttin nachsteigen und tritt dabei nach freiem Belieben aufs Gas- oder Bremspedal. Manchmal ist die Prosa halsbrecherisch rasant, an anderen Stellen poetisch zart – auf keiner Seite jedoch hat man als Leser das Gefühl, Bärfuss könne auf irgendeine Art die Kontrolle verlieren.

Die Charaktere, die in HAGARD auftreten, könnten unterschiedlicher kaum sein, und Bärfuss widmet sich jeder Figur auf andere Weise: Während Philip selbst als Hauptperson bis in die tiefsten Tiefen ausgelotet wird, bleibt sein Irrlicht naturgemäß unscharf; und damit wir gewisse Beweggründe verstehen, wird die komplette Vita eines Taxifahrers ausgerollt, auch wenn dieser erst zum Ende der Geschichte auftaucht; und dann gibt es ja auch ab der ersten Seite diesen ominösen Ich-Erzähler, der selbst gar nicht zur Handlung gehört, auf metaphysische Art aber Philip lenkt.

FAZIT: Ein großer kleiner Spaß, den uns Bärfuss hier auftischt. HAGARD (übrigens ein Begriff aus der Jägersprache, der einen abgerichteten Jagdfalken bezeichnet) weiß sowohl zu unterhalten, als auch stilistische Ansprüche zu bedienen. Ein kleines Meisterwerk – Fünf Sterne!


9783835318403l.pngIch danke dem Wallstein-Verlag für das Rezensionsexemplar. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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