Isaac B. Singer | FEINDE, DIE GESCHICHTE EINER LIEBE

USA 1966/1972 | 268 Seiten
OT: »Enemies, A Love Story«
Carl Hanser Verlag
(Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung)
ISBN: 978-3-86615-531-2

Herman Broder drehte sich um und machte ein Auge auf. Halb noch im Traum fragte er sich, ob er in Amerika sei, in Tzivkev oder in einem deutschen Lager. (Seite 9)

INHALT: Die Erinnerungen an die Greueltaten der Nazis lassen Herman Broder auch nach Kriegsende nicht ruhen. Nachdem er sich drei lange Jahre in einem Heuboden vor Hitlers Schergen versteckt hielt und so dem sicheren Tod entkam, floh er nach dem Krieg nach New York City, wo der Roman Anfang der 50er spielt. (Ein genaues Datum wird nicht genannt, aber der Koreakrieg wird erwähnt.) Dort nimmt er Yadwiga zu seiner Ehefrau, die Bauerstochter, die ihn in seinem Versteck versorgte und somit das Wohl ihrer ganzen Familie aufs Spiel setzte.

Mit Yadwiga führt Herman eine solide Ehe, jedoch ist Yadwiga furchtbar einfältig und weltfremd, was Herman regelmäßig zu Mascha treibt, einer mondänen Frau, die das Leben in allen Facetten genießt. Mascha weiß zwar von Yadwiga und lebt selbst noch in Scheidung, will aber unbedingt Herman ehelichen. Als sie schwanger wird, hat sie ein gutes Druckmittel und Herman willigt ein.

Zu guter Letzt taucht auch noch Tamara auf, Hermans erste Frau, von der er dachte, sie hätte den Krieg nicht überlebt; es gab sogar Augenzeugen, die ihrem Tod bezeugen konnten. Nun führt Herman plötzlich drei Ehen – illegale Polygamie! Und während sich die Dinge zuspitzen, die drei Frauen voneinander Wind bekommen und die Luft für Herman immer dünner wird, findet er eine Lösung für das Dilemma und fasst einen Entschluss…

FORM: Isaac B. Singer (1909-1991), der 1978 als erster und bislang einziger jiddisch schreibender Autor mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, entwirft in FEINDE die Chronik einer menage a quatre, die in erster Linie von einer gewissen Komik lebt. In einer zweiten Ebene führt Singer aber auch das völlig zerstörte und desillusionierte Seelenleben der Menschen vor, die, wie seine Protagonisten, dem Holocaust nur körperlich entkommen konnten. Das ist auch der tiefere Mehrwert des Romans und die Kunst des Autors.

Der Text ist sehr realistisch geschrieben, geizt aber nicht mit Metaphern, die Singer in den Beobachtungen Herman Broders versteckt. Hier ein Beispiel:

Eine kleine Ameise krabbelte herum. Sie hatte die kalte Nacht überlebt und lief über den Tisch – aber wohin? An einem Krümel machte sie halt und rannte dann in einer Zickzacklinie weiter. Sie hatte sich von dem Ameisenhügel getrennt und mußte sich nun allein durchs Leben schlagen. (Seite 110)

Der Roman erschien 1966 in Amerika zunächst in jiddischer Sprache und wurde sechs Jahre später nachträglich auf Englisch veröffentlicht.

FAZIT: Mir hat der FEINDE, DIE GESCHICHTE EINER LIEBE ganz gut gefallen. Es ist spannend zu verfolgen, wie Broder immer mehr Bälle in der Luft jongliert, bis alles notgedrungen in sich zusammenfallen muss. Allein das Ende hat mich dann doch nicht so vom Hocker gerissen. Vielleicht hatte ich nach dem Klappentext, der von einer »mysteriösen Weise« des Verlassens sprach, etwas ganz Krasses erwartet. Wie dem auch sei – vier Sterne.

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