Irene Solà | SINGE ICH, TANZEN DIE BERGE

E 2019 | 208 Seiten
OT: »Canto jo i la muntanya balla«
Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann
Trabanten Verlag
ISBN: 978-3-98697-000-0

Wir kamen mit vollen Bäuchen.

(Seite 11)

Ich wollte schon immer mal in die Pyrenäen. Ich weiß gar nicht genau, warum – die Alpen sind sicherlich imposanter und das stets herzerwärmende Postkartenmotiv des glühenden Matterhorns bei Sonnenuntergang ist wohl kaum zu toppen. Also warum die Pyrenäen? Vielleicht ist es der geheimnisvolle Name? Py-re-nä-en … seltsam … mysteriös … besonders. Ob ich da jemals wirklich hinreise? Wohl eher nicht. Ich spreche weder französisch noch spanisch und wäre – als waschechter Flachländer – schon nach dem ersten Gipfel physisch komplett am Ende. Aber gegen meine unerklärliche Sehnsucht nach diesem Ort gibt es ja Romane – und SINGE ICH, TANZEN DIE BERGE von Irene Solà ist ein ganz wundervolles Beispiel dafür.

Die 1990 geborene Katalanin führt uns in ein kleines Bergdorf, erzählt generationsübergreifend und mit verschiedenen Stimmen vom Viehhirten Domènec, der vom Blitz erschlagen wird, seiner Frau Sió und den Kindern Hilari und Mia. Sie wachsen heran, erleben Glück und Unglück, Leben wird geschenkt, Leben wird genommen – der große Kreislauf der Natur. Doch der Roman ist mehr als nur eine einfache Familiengeschichte, denn es kommen nicht nur die zahlreichen Verwandten und Bekannten zu Wort, sondern auch die Natur selbst. Die Hündin Lluna bekommt ihr Kapitel, der Bär im Wald, der die Menschen hasst, und der Rehbock, der Hilaris Gewehr entkommen kann. Sogar die Berge selbst mit ihrem uralten Gedächtnis und die Gewitterwolken, die den Bauern niederstrecken, haben ihren Auftritt. Dieser Chor aus Stimmen verdichtet sich zu einem Gesang, der das Leben mit all seiner Schönheit und Tragik feiert.


Solch polyphone Romane sind auf dem aktuellen Buchmarkt sicher nicht die Regel, kommen aber doch öfter vor als man denkt. Meistens wird dieses Stilmittel eingesetzt, um ein zentrales Ereignis nach und nach zu entblättern und auf diese Weise Spannung aufzubauen. Doch Solà geht es nicht um simplen Thrill, es geht ihr um Dichte, um Fülle, um Poesie. Es gibt zwar einen Vorfall, der im Lauf der Geschichte immer wieder in den Fokus gerückt wird, den ich aber nicht als zentral ansehen würde. Vielleicht ist es deshalb so schwierig, eine befriedigende Inhaltsangabe zu machen.

Sprachlich ist Irene Solà wahrhaft eine große Entdeckung. Selbst wenn nicht alle Stimmen in ihrem Ensemble ganz makellos funktionieren, zeigt sie doch eine beeindruckende Breite an Kunstfertigkeit (ebenso meisterlich übertragen von ihrer Übersetzerin Petra Zickmann). Der Bär spricht anders als der Rehbock und der Hirte anders als der Berg – naturgemäß – und in allen Stimmen finden sich Sätze, die man in Stein meißeln möchte. Ein paar Beispiele?

[…] mit dem Schnee ist es ein bisschen wie mit dem Tod, man kann ihn nicht bestellen. Er kommt, wann er will, und verändert alles.

(Seite 122)

Nur feige Tiere töten, was sie nicht essen.

(Seite 153)

Und oft kommt auch ein gehöriger Schuss Sarkasmus dazu:

Den Griechen zufolge war es Herakles selbst, der, nachdem er [Prinzessin Pyrene] vergewaltigt und geschwängert hatte, die Überreste ihres von wilden Tieren zerrissenen Körper fand und ihr die letzte Ehre erwies, indem er diesem Gebirge ihren Namen gab. Menschenskind, Herakles, besten Dank auch!

(Seite 65)

SINGE ICH, TANZEN DIE BERGE ist eine echte Überraschung – ein Buch zum Genießen, zum Berauschen, zum Fallenlassen. Einziger Kritikpunkt: Es ist viel zu kurz; von mir aus hätte es doppelt so lang sein können.


SINGE ICH, TANZEN DIE BERGE erschien im ersten Programm des frisch gegründeten Trabanten Verlages, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

Ein Gedanke zu “Irene Solà | SINGE ICH, TANZEN DIE BERGE

  1. Gelungener Roman, tatsächlich einer der seltenen neueren Texte, der Polyphonie nicht als Gymick einsetzt & die Stimmen tatsächlich zu trennen vermag. Auch wenn ich auf sprechende Tiere & Berg hätte verzichten können, zumal der Berg sowieso aus seinen Bewohnern spricht.
    Allerdings nicht zu kurz, sondern wenn überhaupt um die gezwungeneren Passagen zu lang…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s