Steffen Mensching | HAUSERS AUSFLUG

D 2022 | 249 Seiten
Wallstein Verlag
ISBN: 978-3-8353-5305-3

Hauser hatte seine Lage im Augenblick des Erwachens durchschaut.

(Seite 5)

(Stimme aus dem Off:) »Also jetzt gehen die ja wohl wirklich zu weit! Kannst du dir das vorstellen? Da gibt’s doch tatsächlich so ’ne Firma, die ’ne Kiste erfunden hat, mit der man Flüchtlinge ohne Aufenthaltsgenehmigung in ihre vom Krieg zerrütteten Herkunftsländer zurückbefördern kann. Sowas hab ich ja noch nicht gehört! Da stockt mir ja der Atem! Diese armen Leute werden gegen ihren Willen betäubt, in diese Alu-Särge gesteckt und per Flugzeug über der Wüste abgeworfen. Das ist doch nicht mehr normaaal! Mit so ’nem Fallschirm trudeln die da vom Himmel, haben in der Kiste nur so ’n billiges Notfallpaket und wenn die aufwachen, müssen se zusehen, wie se klarkommen. Also da platzt mir ja echt der Kragen! Und die Regierung spielt da einfach so mit, während der Firmenboss Millionen scheffelt, Schampus säuft und sich die Eier schaukelt? Dieses Mistschwein müsste man mal in eine seiner Kisten da einsperren und in so ein Krisengebiet ballern, da könnte er mal sehen, wie das ist…« – Wunsch erfüllt!

Die Grundidee in Steffen Menschings neuem, leicht in der Zukunft spielenden Roman HAUSERS AUSFLUG liest sich wie ein makabrer Scherz: Um in Europa, das nach den Jahren der Epidemien, Flüchtlingswellen und Angriffskriegen politisch, sozial und wirtschaftlich nahezu am Boden liegt, noch einigermaßen Herr der Lage zu bleiben, gibt die Regierung grünes Licht für AIRDROP, das oben geschilderte Projekt zur Abschiebung von Flüchtlingen. CEO David Hauser, der durch die Entwicklung jener Aluminiumkisten steinreich geworden ist, wacht nun in einer ebensolchen auf, abgeworfen irgendwo über der felsigen Steppe Vorderasiens. Neben dem dürftigen Notproviant besitzt Hauser nur die Kleider, die am Leibe trägt – die aber nicht seine sind –, eine halbvolle Schachtel Zigaretten – Hauser raucht seit Jahren nicht mehr, fängt aber auf der Stelle wieder damit an – ein leeres Handy und einen Pass, der ihn als den Syrer Walid Said ausweist. Sofort fängt es in Hauser an zu rattern. Ist das ein schlechter Scherz? Will ihm jemand einen Denkzettel verpassen oder ihn loswerden? Wer steckt dahinter? Ein neidischer Kollege, der linke Untergrund oder sein verhasster Vater, der alte Kommunist? Ist das ein Attentat auf seine Person oder tatsächlich nur eine simple Verwechselung? Doch solange er auch darüber nachdenkt, er kann es sich nicht erklären. Hinzu kommt, dass der Abend naht und er sich langsam eine Bleibe suchen muss. Wer weiß, was hier nachts alles rumkriecht.

Im Laufe der folgenden Seiten wird schnell klar, dass Hauser für das Überleben in der Wildnis nicht gemacht ist. Was hilft all das Geld und die ganzen Uni-Abschlüsse, wenn man nicht weiß, wo man den nächsten Schluck Wasser hernehmen soll? Völlig verloren in seiner Hilflosigkeit wird er zu allem Übel auch noch von einem Schäfer gefangen genommen, der ihn scheinbar als Geisel verkaufen will. Es folgt eine Odyssee über Stock und Stein mit zwei Charakteren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite der schweigsame Schäfer, der den Trumpf in Form eines Gewehres auf der Hand hat; auf der anderen Seite der millionenschwere Upper-Class-Deutsche, der eindeutig am Verlieren ist.


HAUSERS AUSFLUG ist eine sehr interessante Mischung aus politischer Dystopie und spannendem Abenteuerroman. Eine genaue Einordnung fällt schwer, da Mensching mit vielen Genres jongliert. In den Szenen, die in der Höhle spielen, die dem ungleichen Paar als Unterschlupf dient, kann der Roman sogar als Kammerspiel durchgehen. Das extrem eingestampfte Figurenensemble, das sich lediglich auf zwei handelnde Personen beschränkt, steht dabei in krassem Gegensatz zur Tragweite ihrer Taten.

Ein weiterer Umstand, mit dem Mensching spielt, ist das Verhältnis des Publikums zur Hauptfigur, das sich irgendwo zwischen »Geschieht ihm recht!« und »Ach, der Arme!« einpendelt – das muss jede für sich ausmachen. Dass Hauser kein Heiliger ist, wird gleich im ersten Kapitel deutlich, und der weitere Verlauf macht ihn immer unsympathischer. Am besten beschrieben ist dabei Hausers fast schon klischeehafte Arroganz. Dass dieser Wichtigtuer auch in der unmöglichsten Situation nicht von seinem hohen Ross herunterkommt und sich dem Schäfer permanent überlegen fühlt, obwohl er ohne dessen Gnade nicht mal pinkeln kann – diese typisch deutsche Überheblichkeit Fremden gegenüber ist genauso schwer zu ertragen wie exakt getroffen. Dass wir aber trotzdem Mitleid mit ihm haben können – eine Gefühlsregung, über die Hauser nicht zu verfügen scheint –, zeigt uns, dass wir ethisch und moralisch noch nicht verloren sind. Und auch der Schäfer hält für uns noch einige Überraschung bereit, was dazu führt, dass wir unseren ersten Eindruck mehrmals revidieren müssen.

Fazit: Sehr lesenswert.


HAUSERS AUSFLUG erschien beim Wallstein-Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick auf Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe und ein Interview findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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