Simon Stranger | VERGESST UNSERE NAMEN NICHT

NO 2018 | 350 Seiten
OT: »Leksikon om lys og mørke«
Aus dem Norwegischen von Thorsten Alms
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0666-7

A wie Anklage.
A wie Aussage.
A wie Arrest. (Seite 5)

Im Jonsvannsveien 46 in Trondheim steht ein Haus, in dem während des Zweiten Weltkrieges furchtbare Greueltaten verübt wurden. Es war das Haus der berüchtigten Rinnanbande, angeführt von Henry Oliver Rinnan, einem Norweger, der gleich nach der Besetzung seines Landes zu den Nazis überlief. Da er als Kurierfahrer nahezu alle Bewohner im Umkreis kannte – ihre Vorlieben, ihre Familienverhältnisse und besonders ihre politischen Gesinnungen –, war er für die Deutschen von einigem Wert. Zunächst als verdeckter Spion eingesetzt, schwang sich Rinnan in kurzer Zeit zu einem einflussreichen Vorzeigenazi auf, der das ganze Gebiet um Trondheim kontrollierte und mit drakonischen Methoden Jagd auf Regimegegner machte.

Der Aufhänger der ganzen Geschichte liegt aber nicht bei Rinnan selbst – obwohl er zweifellos als Hauptfigur des Romans angesehen werden kann –, sondern bei der Familie des Autors. Ein Stolperstein in einer Trondheimer Straße trägt den Namen von Simon Strangers Urgroßvater Hirsch Komissar, der 1942 grundlos verhaftet und nur wenige Monate später im Gefangenenlager Falstad ermordet wurde. Das Schicksal der Familie Komissar ist auf diese Weise eng mit dem Henry Rinnans verknüpft. Als Strangers Kinder, über den Stolperstein gebeugt, nach der Geschichte ihres Ururgroßvaters fragen, fängt Stranger an zu recherchieren und wühlt sich im Reichsarchiv durch tausende Seiten historischen Materials. Das Ergebnis seiner Arbeit ist dieser Roman, in dem er alle Beteiligten dieses dunklen Kapitels der Zeitgeschichte literarisch zum Leben erweckt, aber auch die Recherche selbst zum Thema macht.

Die interessanteste – weil auffälligste und erbärmlichste – Figur dieses Romans ist Henry Oliver Rinnan, der keineswegs ein Nazi aus Überzeugung war. Rinnan hatte seit seiner Jugend gegen ausgeprägte Minderwertigkeitskomplexe zu kämpfen. Mit seinen 1,61m war er unter den von Natur aus eher großen Norwegern ein Zwerg, von allen verspottet und ausgelacht, bestenfalls gemieden. Über die Jahre entwickelte er sich zu einem gewissenlosen Misanthropen, der alles dafür gegeben hätte, ein bisschen Aufmerksamkeit zu erlangen. Als die Deutschen dann das Land übernahmen und relativ schnell Rinnans Nutzen erkannten, statteten sie ihn mit einem Minimum an Macht aus. Diese kleine Interessenbekundung reichte völlig, um Rinnan zu einem loyalen Nazi zu machen. Er legte sich richtig ins Zeug. Was ich damit sagen will: Hätte ihm der Hundesportverein Trondheim ein bisschen Aufmerksamkeit geschenkt, er hätte sich sofort ein Dutzend Hunde gekauft. Oder der Leichtathletikverband, er wäre sofort bis nach Oslo gejoggt. Aber es waren die Deutschen, also wurde er Nazi.

Genauso groß wie Rinnans Komplexe, war nach dem Seitenwechsel sein Hochmut. In einer schier grenzenlosen Selbstliebe begann Rinnan eine Art Rachefeldzug gegen alle, die damals über ihn gelacht haben. Durch den Umstand, dass die Nazi-Offiziere ihm bei seinen Aktionen nahezu freie Hand ließen, konnte sich Rinnan in seiner Heimatstadt Levanger und im Großraum Trondheim nach Belieben austoben, was sich über die Jahre in einen Blut-, Alkohol- und Drogenrausch steigerte, der erst 1945 nach der Kapitulation Deutschlands endete.


Stranger führt uns in seinem Roman durch sechsundzwanzig Kapitel, die je einen Buchstaben des Alphabets behandeln – beginnend bei A wie Anklage, über N wie Nordstern, bis Z wie Zugvögel – und verbindet die Wörter mit der Geschichte, die er erzählt; eine Spielerei, die sicherlich nicht einfach ins Deutsche zu übertragen ist, dem Übersetzer Thorsten Alms aber hervorragend gelingt. Der Originaltitel »Leksikon om lys og mørke« (dt.: Lexikon von Licht und Dunkelheit) hätte vielleicht sogar besser gepasst als das eher sperrige VERGESST UNSERE NAMEN NICHT. Was aber in Ordnung geht, da sich der deutsche Titel auf den schönen Glauben bezieht, dass ein Mensch erst wirklich gestorben ist, wenn sein Name zum letzten Mal genannt oder gedacht wird. Strangers Buch ist somit der Versuch, den zweiten, den wahren Tod seines Urgroßvaters hinauszuzögern.

Mein wirklich einziger Kritikpunkt ist aber der doch eher lahme Schreibstil. Viele Passagen wirken hölzern und irgendwie unreif. Für meinen Geschmack wird die Figur Rinnan zu sehr mit inneren Monologen und rhetorischen Fragen erklärt. Das sind billige Stilmittel, die einem Autoren, der schon so lange im Geschäft ist, nicht gerade gut zu Gesicht stehen. Hier und da erwacht manchmal eine verträumt-poetische Ader, der Großteil des Textes aber kommt stilistisch kaum über Groschenroman-Niveau hinaus.

Doch davon mal abgesehen ist Strangers Roman ein sehr lesenwertes und wichtiges Buch, das den Zweiten Welkrieg aus einer Perspektive erzählt, die man – sowohl geografisch als auch individuell – als Leser selten einnimmt.


978-3-8479-0666-7VERGESST UNSERE NAMEN NICHT ist im Eichborn-Verlag erschienen, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

2 Gedanken zu “Simon Stranger | VERGESST UNSERE NAMEN NICHT

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