Eimar O’Duffy | KING GOSHAWK UND DIE VÖGEL

IRL 1926 | 276 Seiten
OT: »King Goshawk and the Birds«
Übersetzt von Gabriele Haefs
Alfred Kröner Verlag
ISBN: 978-3-520-60701-0

›Welch trauriger Gedanke, dass überall auf der Welt so viele Vögel singen,
die ich niemals hören werde.‹

(Seite 11)

Der reiche und eitle Weizenkönig Goshawk verspricht seiner Angetrauten Guzzelinda alle Singvögel der Welt und eröffnet – dank seiner Macht und seines Geldes – die Jagd auf die armen Piepmätze. So beginnt Eimar O’Duffys Gesellschaftssatire KING GOSHAWK UND DIE VÖGEL, ein moderner Klassiker der irischen Literatur. Doch anders als der Titel vermuten lässt, bleibt der Fokus der Geschichte nicht lange auf jenem Machthaber, der heute – knapp hundert Jahre nach Veröffentlichung – frappierende Ähnlichkeiten mit Donald Trump aufweist. Die eigentlichen Helden sind diejenigen, die sich dem König entgegenstellen.

Der alternde und mittellose Philosoph Murphy aus Dublin erkennt in Goshawks Vorhaben den Verrat an der Natur und versucht, gegen das Unrecht vorzugehen und das Volk davon zu überzeugen, dass der König ein Schwindler und Scharlatan ist. Dazu ruft er einen der größten Helden der altirischen Mythologie aus dem Ruhestand zurück. Doch Cúchulainn – der sein Nachleben seit Äonen im Paradies genießt – ist völlig verwirrt und überfordert von den heutigen Gegebenheiten auf der Erde, sodass er nach ein paar halbherzigen Versuchen abwinkt, noch schnell eine irische Schönheit schwängert und sich wieder ins Jenseits verzieht.

Aus dem kleinen Techtelmechtel entsteht Cuanduine, ein strammer junger Bursche, bärenstark und wunderschön – ein Halbgott, dem jeder Mensch zu Füßen liegt. Mit diesem Geschenk des Himmels macht sich Murphy auf den Weg über die britischen Inseln, um Verbündete im Kampf für das Gute zu finden. Das Volk jedoch ist verblendet, folgt nicht dem Gerechten, sondern dem Geld, der Macht und den leeren Versprechen…


Wenn ich an irische Literatur denke, fallen mir zunächst die großen Namen ein: James Joyce, Oscar Wilde, Samuel Beckett – klar, kennt jeder. Etwas moderner vielleicht noch Anne Enright, Colm Tóibín und Edna O’Brien … aber dann hört es bei mir auch schon auf. Um solche Wissenslücken zu schließen, macht sich der Alfred Kröner Verlag – und die Übersetzerin Gabriele Haefs – seit Jahren auf die Suche nach Texten, die über die Grenzen Irlands hinaus wenig bis gar nicht bekannt geworden sind, auf der grünen Insel selbst aber Kultstatus genießen. Nachdem ich auf diese Weise vor ein paar Wochen Máirtín Ó Cadhain entdecken durfte, war es mir eine große Freude, auch die Bekanntschaft mit Eimar O’Duffy (1893–1935) zu machen.

Wie eingangs erwähnt, ist KING GOSHAWK UND DIE VÖGEL bald hundert Jahre alt, und es ist fast schon unheimlich, wie aktuell der Roman nach wie vor ist. Die Beschreibung der gierigen, nach Zerstreuung und Betäubung bettelnden Massen, die sich nur empören, wenn sie persönlich benachteiligt werden, ansonsten aber desinteressiert dabei zusehen, wie die wenigen Mächtigen die Welt unter sich aufteilen – ich glaube kaum, dass O’Duffy geahnt hat, dass er mit einer solchen Charakterisierung auch noch im 21. Jahrhundert ins Schwarze treffen würde. Trotz des pessimistischen Grundtons des Textes – die Menschen sind einfach zu dumm, um gerettet zu werden –, liest er sich ganz unbeschwert und dank jeder Menge Ironie, Übertreibung und Augenzwinkern, gibt es auch einiges zu lachen.

Die Geschichte spielt größtenteils in den 1950er Jahren – eine Zeit, die der jung verstorbene Autor selbst nicht mehr erlebt hat –, es handelt sich also um einen für die Zeit der Entstehung ungewöhnlich bunten Mix aus Dystopie, Satire, Science Fiction und Magischem Realismus. Auch der Schreibstil ist bemerkenswert: Passend zur Geschichte klingt der Text größtenteils märchenhaft, allerdings meldet sich der außenstehende Erzähler oft zu Wort, spricht seine Leserschaft persönlich an und spielt mit den herkömmlichen Erzählperspektiven – alles Merkmale der Postmoderne, die erst Jahrzehnte später ihre Blütezeit hatte. Somit war O’Duffy nicht nur ein visionärer Sozialkritiker, sondern auch als Schriftsteller seiner Zeit weit voraus. Wie gut, dass sein Werk jetzt auch für das deutschsprachige Publikum zugänglich gemacht wird; die Fortsetzung ESEL IM KLEE ist auch schon erschienen. Unbedingt lesen!


KING GOSHAWK UND DIE VÖGEL erschien im Alfred Kröner Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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