Judith Hermann | DAHEIM

D 2021 | 192 Seiten
S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-397035-7

Damals, in diesem Sommer vor fast dreißig Jahren, wohnte ich im Westen und weit weg vom Wasser.

(Seite 7)

Je älter man wird, desto länger wird Liste der Gedanken, die mit den Worten beginnen: »Was wäre, wenn ich damals…« Was wäre, wenn ich diesen Menschen damals nicht geheiratet hätte. Wenn ich damals Ja gesagt hätte, oder Nein. Wenn ich damals mitgegangen, oder auch zuhause geblieben wäre. Mich für etwas anderes entschieden hätte. Wie ginge es mir. Wo stünde ich jetzt. Das Leben wäre anders verlaufen, keine Frage. Aber ob besser oder schlechter ist selten klar zu beantworten. Wir versuchen ja alle irgendwie das Beste aus den paar Jahren zu machen, die uns gegeben sind, aber auch wenn wir glücklich sind – wobei Glück für jeden etwas anderes bedeutet –, bleiben diese Gedanken nie ganz aus. Judith Hermann hat mit DAHEIM ein so ruhiges wie eindringliches Buch über jene Phase des Lebens geschrieben, in der wir vieles überdenken.

Eine Frau Ende vierzig zieht sich an die raue Nordseeküste zurück. Warum sie das tut, bleibt – wie so vieles in diesem Roman – nur vage angedeutet. Vor beinahe dreißig Jahren bekam sie mal das Angebot, als Assistentin für einen Zauberer auf einem Kreuzfahrtschiff nach Singapur zu arbeiten. Sie sagte zu, ließ den Augenblick jedoch verstreichen und führte ihr einfaches, unaufregendes Leben weiter. Hochzeit, Ehe, Kind, Beruf, Alltag. Mittlerweile ist ihre Tochter Ann erwachsen und derzeit auf Weltreise; von ihrem Mann Otis lebt sie getrennt, steht mit ihm aber noch in Kontakt. An der See nun erhofft sie sich einen Neustart, bezieht ein kleines Häuschen und arbeitet in der Hafenkneipe ihres großen Bruders Sascha, der gerade an einer Beziehung mit einer toxischen Zwanzigjährigen zugrunde geht. Sie schließt Freundschaft mit Mimi und Arild – ein kauziges, älteres Geschwisterpärchen; sie ist Künstlerin, er Schweinebauer – die auf vielerlei Art ihre Vertrauenspersonen werden.


Es passiert nicht viel in Hermanns Roman. Es wird geredet und gearbeitet, gegessen und geguckt, manchmal auch gefeiert und gestritten, dennoch vibriert unter dieser scheinbaren Tristesse ein permanentes Unwohlsein. Die Gedanken der Frau erfahren wir aus erster Hand, da sie als Ich-Erzählerin auch das Unausgesprochene formuliert, an den entscheidenden Stellen aber brechen die Gedanken oft ab, als ob ein weiteres Nachdenken zu weit führen würde. Große Teile ihrer Biografie liegen im Dunkeln, bleiben im Nebel – ob unabsichtlich oder zum Selbstschutz bleibt ebenfalls unklar.

Stilistisch ist DAHEIM ausgereift und eine wahre Fundgrube an Ebenen, Metaphern und Symbolen. Die Kiste zum Beispiel – oder besser: die Idee der Kiste –, in die die Heldin als junge Frau steigen soll, um vom Zauberer zersägt zu werden, findet sich in der Marderfalle wieder, die Arild später in ihrem Haus an der Küste aufstellt. Sowohl die Heldin als auch der Marder steigen nicht hinein, obwohl die Kiste geduldig auf beide wartet. Oder die Geschichte der Nixe, die das Wappen der Küstenregion ziehrt und in ihrer Tragik nur von der Geschichte Nikes übertroffen wird, der Zwanzigjährigen, mit der sich der Bruder gerade herumschlägt.

Solche und viele andere Verbindungen und Querverweise untermauern den kompletten Roman, so dass bei jedem Satz die Gefahr droht, einzusacken und durchzubrechen in tiefere, viel tiefere Bedeutungsebenen. Der karge Satzbau, das Fehlen von Anführungen bei der wörtlichen Rede und der sehr sparsame Gebrauch von Fragezeichen bei Sätzen, die deutlich eine Frage darstellen, machen die Lektüre unbequem und verstärken somit das eingangs erwähnte Unwohlsein. Doch so vage alles auch erscheinen mag, dem Zufall überlassen ist hier nichts. Judith Hermann ist mit ihrem zweiten Roman auf der Höhe ihrer Kunst und DAHEIM ein ebenso leiser, wie schreiend lauter Roman.


DAHEIM erschien beim S. Fischer Verlag, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick auf Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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