Thomas Lehr | 42

D 2005 | 370 Seiten

INHALT: Am 14. August 2000 um 12:47:42 Uhr bleibt die Zeit stehen. Alles erstarrt: die Menschen, das Wasser, selbst Flugzeuge und Vögel kleben unbewegt in der Luft. Eine Gruppe von 70 Besuchern der Forschungseinrichtung CERN bei Genf sind die einzigen Menschen, die von dem Zeitstopp nicht betroffen sind. Seither hängen sie zwischen den Augenblicken fest und irren durch eine Welt im Dornröschenschlaf. Während die CERN-Forscher in Genf bleiben, um an der Lösung des »Problems« zu arbeiten, trennen sich die Übrigen in kleine Gruppen, um ihr Glück zu finden. Alle sollen die vergehenden Tage zählen und in genau einem Jahr wieder am CERN erscheinen, um über die Fortschritte der Wissenschaftler informiert zu werden. Doch bei einem Treffen bleibt es nicht. Die Jahre vergehen als ein ewiger Tag, ohne dass ein Ausweg gefunden wird. Inzwischen macht jeder seine eigenen Erfahrungen in der »Unzeit«, und nicht wenige verlieren in ihr den Verstand. Dann, nach fast fünf Jahren, tickt die Zeit für kostbare drei Sekunden weiter! Das bleibt natürlich nicht unbemerkt und alle (verbliebenen) »Chronifizierten« kehren nach Genf zurück, um an einem finalen Experiment teilzunehmen.

FAZIT: Keine leichte Kost, was aber nicht negativ sein muss. Thomas Lehr schreibt sehr dicht und wortreich, in langen verschachtelten Sätzen und einer guten Prise Humor. Die Seiten sind eng bedruckt mit nur wenigen Absätzen und kaum wörtlicher Rede, was den Lesefluss etwas hemmt. Wirklich schwierig waren die Szenen in denen es um die physikalischen Beschreibungen ging (unten ein Beispiel), da wurde es für mich manchmal zu wissenschaftlich. Interessanter waren dagegen die Einzelschicksale in der Dornröschenwelt.

»Elektronen wurden durch Erhitzung aus Metalldrähten gemolken, auf der Hundert-Meter-Kurzstrecke linear angepeitscht, in den ersten Ringbeschleuniger mit 600 Meter Umfang geschossen, bei 3,5-Giga-Elektronenvolt rasend entlassen, jedoch nur, um auf dem 7-Kilometer-Kreis des SPS noch mehr an Besinnung zu verlieren, damit sie mit gesträubtem Haar, zusammengespressten Augenliedern und flatternden Backen bei 21 GeV im 26-Kilometer-Ring des großen LEP zur finalen Unfallgeschwindigkeit kurz unterhalb von Zeh (c) getrieben wurden, gebündelt in praktischen 250-Billionen-Stück-Packungen und vier Strahlen, die sich an acht Punkten kreuzten und zwar 45000-mal pro Sekunde, so abgefeimt und listig aber doch, dass es fast alle schafften, im letzten Moment den Billionen Geisterfahrern aus der Gegenrichtung innerhalb der engen Tunnelröhre auszuweichen, abgesehen von dem einen angetrunkenen oder juvenilen Trottel alle zwei Sekunden, den es dann in den monströsen Prüfmanschetten von OPAL, ALEPH, L3 oder DELPHI in die aberwitzigsten Stücke riss, die Kerne der Kerne der Kerne, auf die man es abgesehen hatte, denen die Feldkräfte der erdgrößten Magneten auflauerten, um sie auf ihren lichtschnellen Fluchten aus der Fassung zu bringen, in den Zwiebelschichten der Spurengeräte ihre einst ehrlichen Prallbahnen zu schmerzlichen und mathematisch heimtückischen Schleifen, Parabeln, Zykloiden, Kardioiden, Spiralen zu zwingen, so kunstvoll gewunden wie Frauenhaar auf einem Dürer-Stich.« (S.60)

Der Ich-Erzähler zum Beispiel sucht seine Frau, die zum Zeitstopp gerade Urlaub an der Ostsee macht. In wochenlangen Gewaltmärschen wandert er in der ewigen Sommerhitze von Genf über München und Berlin nach Stralsund, nur um herauszufinden, dass sie ihn in Florenz betrügt. Also geht er nach Italien – er hat ja Zeit. Oder: Eine Gruppe von Menschen räumt ein Dorf in den Alpen frei (stellt alle Erstarrten in die Kirche) und gründet eine sektenartige Gemeinschaft mit im Zeitstopp geborenen Kindern.

Eine teilweise anstrengende aber lohnende Lektüre. Ein Autor, den ich im Blick behalten werde – vier Sterne.

2 Gedanken zu “Thomas Lehr | 42

  1. Auch ein Buch, aus dem ich recht spät dann doch ausgestiegen bin. Er schreibt hervorragend, doch die Stimmung der Geschichte ergriff mich irgendwann so intensiv, dass ich der Trägheit entfliehen musste. Ich verlor beim Lesen die Hoffnung, aus diesem Buch etwas für mich mitnehmen zu können.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s