Clemens J. Setz | DER TROST RUNDER DINGE

D 2019 | 317 Seiten
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42852-8

Ich weiß noch, dass ich an dem Tag recht früh erwachte. (Seite 9)

Clemens J. Setz (*1982) hat nach langer Zeit mal wieder einen Band mit Erzählungen vorgelegt. Wir erinnern uns: Mit seiner letzten Story-Sammlung gewann er 2011 den Preis der Leipziger Buchmesse. Mittlerweile gehört Setz zu den renommiertesten Schriftstellern seiner Generation, kann auf eine breite Palette an Veröffentlichungen zurückblicken (Romane, Erzählungen, Gedichte, Theaterstücke, …) und hat eine Fangemeinschaft, die ihm durch dick und dünn die Treue hält. Ich verfolge die Karriere dieses Mannes seit vielen Jahren mit wachsendem Respekt, habe aber – wie ich zugeben muss – erst ein Buch von ihm gelesen, und zwar DIE FREQUENZEN während meiner dbp-Shortlist-Challenge (…die ich so langsam mal weiterführen sollte, wenn ich damit irgendwann fertig werden will).

Nun also DER TROST RUNDER DINGE. Zunächst einmal: Es gibt großartige Szenen in diesem Buch; kaum eine Geschichte, bei der man nicht mal hier oder da kichert, erschrickt, staunt oder einem ein fassungloses WTF! entweicht. Die Sammlung zeigt sich thematisch vielseitig – Elterngespräche, antike Krieger, Internetphänomene, Sex-Hotlines, Nervenzusammenbrüche, Interkontinentalflüge, usw. usf. – auch der Umfang der Storys variiert erheblich, so ist die kürzeste gerade mal ein paar Zeilen lang. Allein der Setz-Duktus zieht sich durch und durch, bleibt unverkennbar und lässt die Leserschaft beglückt aber auch ratlos zurück.

Öffentliche Bekanntmachung:
Ich bin für die Etablierung eines neuen Begriffes
für die Beschreibung der Prosa von Clemens J. Setz
in Anlehnung an Franz Kafka: setzesk!
(Hab gegoogelt, gibt’s noch nicht.)

Wenn da zum Beispiel von dem Or die Rede ist, mit dem eine Frau durch Skandinavien reist, Hotels bezieht, zu Abend isst und über Gott und die Welt quatscht, und bis zum Schluss nicht herauszubekommen ist, was das Or eigentlich ist – ein Kind? Ein Tier? Ein Gefühl oder eine Meinung? –, dann kann man natürlich verzweifeln. Muss man aber nicht, denn neben dieser Kryptik, die sich wie ein roter Faden durch Setz‘ Kurzprosa zieht, kann man sich auch einfach an der Geschichte selbst, am Setting, den Figuren oder der puren Fabulierlust berauschen.

Zugegeben: Für Leser, die einfach eine nette Story vorm Einschlafen suchen, mit Anfang, Mitte und Ende, ist das Buch nicht gemacht. Jede Geschichte hier hat einen Haken, einen ungewohnten Blickwinkel und selten wird irgendetwas aufgeklärt. Es geht ums Lesen selbst, um das Sich-Verlieren im Text, um den Spaß an der Fiktion. Darin ist Setz ein Meister und ich gelobe Besserung: Die nächsten Bücher stehen schon bereit…


42852DER TROST RUNDER DINGE ist beim Suhrkamp Verlag erschienen, dem ich herzlich für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autor findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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