Wolfgang Herrndorf | SAND

D 2011 | 480 Seiten
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-87134-734-4

Auf der Lehmziegelmauer stand ein Mann mit nacktem Oberkörper und seitlich ausgestreckten Armen, wie gekreuzigt. (Seite 7)

Nordafrika, 1972. Ein Mann kommt in einer Scheune mitten in der Wüste zu sich. Sein Schädel dröhnt und hat eine ordentliche Platzwunde, und der Mann kann sich nicht erinnern, wie er in diese Scheune gekommen ist. Schlimmer noch: Nicht einmal sein Name fällt ihm ein – jegliche Erinnerung an die Zeit vor dem Erwachen ist gelöscht. Was der Mann jedoch relativ schnell erfasst, ist, dass er von sehr gefährlichen Leuten verfolgt wird und vor ihnen fliehen muss. In seiner aussichtslosen Situation – in einem scheinbar fremden Land in dem er niemanden (er-)kennt und sich an nichts erinnert – läuft er an einer Tankstelle der Amerikanerin Helen über den Weg, die ihn mit in ihr Urlaubsdomizil nimmt und weitestgehend gesund pflegt. Sie nennt ihn Carl, nach dem Namensschild in seinem Anzug.

Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Carls Identität, puzzeln Erinnerungsfetzen zusammen, gehen jedem noch so kleinen Hinweis nach und kontaktieren sogar einen Psychiater. Doch je mehr sie in Erfahrung bringen, desto verwirrender wird die Geschichte. Alle Hinweise deuten auf Waffenhandel, aber in Wirklichkeit tappen die beiden ahnungslos im Dunkeln. Als Carl schließlich von einer Spezialtruppe der CIA entführt und gefoltert wird, gerät er vollends an die Grenzen seiner Kräfte.


Dieses Buch steht seit Jahren in meinem Bücherregal, und ich frage mich jetzt, warum ich Dummkopf so lange mit der Lektüre gewartet habe – es ist grandios! Wolfgang Herrndorf (1965-2013) zeigt in SAND seine komplette Bandbreite: Perfekt gezeichnete Figuren, ein irrwitziger, zahlreiche Haken schlagender Plot und jede Menge Thriller- und Krimi-Elemente ergeben zusammen eine Tour de Force durch ein kaputtes Land zu einer verrückten Zeit.

Manche Szenen sind irre spannend, andere überzogen brutal, wieder andere zum Brüllen komisch. Dieser Mix erinnert ein wenig an die cineastischen Glanztaten der von mir sehr geschätzten Coen-Brüder. Gerade die ewig langen und doch ins Leere laufenden Dialoge – zum Beispiel mit dem Psychologen oder dem Waffenhändler in der Bar – erinnern mich an Filme wie THE BIG LEBOWSKI oder BURN AFTER READING. Allein der Umstand, dass die Hauptfigur komplett ahnungslos ist, es also ein völlig unfaires Ungleichgewicht im Wissensstand der Beteiligten gibt, macht schon den Reiz des Ganzen aus. Auch das halbwegs offene Ende passt zum Coen-Vergleich. Solche Enden mag ja nun wirklich nicht jeder, ich persönlich fand aber, es war der passend krasse Schluss zu einem vergnüglich-verwirrenden Meisterstück.


WH-SSAND (sowohl Hardcover, als auch Taschenbuch) erschien beim Rowohlt-Verlag. Alle weiteren Information findet Ihr auf der Verlagsseite. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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