Janko Marklein | FLORIAN BERG IST STERBLICH

D 2015 | 335 Seiten
Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05022-1

Im Philosophischen Institut roch es nach Klebstoff. Florian kratzte sich am Kopf. Um ihn herum standen zahlreiche blasse Studenten. Manche lehnten an den Wänden des Ganges, die Hände in den Hosentaschen, den Kopf gesenkt. Andere saßen im Schneidersitz auf dem geblümten Teppichboden und tippten auf ihre iPads. Direkt vor Florian massierte sich ein Student mit beiden Händen den Bauch und gab leise Rülpsgeräusche von sich, so als müsse er sich gleich übergeben. Seine Freundin lehnte sich an seine Schulter und redete beruhigend auf ihn ein. An der Decke flackerte das Licht einer Neonlampe. Irgendwo surrte ein Drucker. (Seite 7)

INHALT: Florian Berg (der sterblich ist, weil er ein Mensch ist und alle Menschen sterblich sind) studiert im ersten Semester Philosopie in Leipzig. Groß geworden ist er in einem kleinen Nest im Bremischen, wo er zwischen Harry-Potter-Romanen und Forellenteichen die ganze Breite ländlicher Langeweile kennenlernen durfte. Die spannendsten Dinge hier sind der wöchentliche Bücherbus und der heimische Eisvogel. Selbst sein Verein zur Pflege der Umwelt in Dorf und Umgebung, den er mit ein paar Freunden gründet, verkommt zu einem ziellosen Haufen von Dorfjungs, deren Horizonte aus Prügeleien und LAN-Partys bestehen.

Seine neuen Bekanntschaften in Leipzig sind die politisch sehr korrekte Line und ihr tumber Ex-Freund Stefan, mit dem er sich eine Wohnung teilt. Und dann ist da noch Anna, seine Logik-Tutorin, in die er sich ein bisschen verschossen hat und der er aus einem Bauchgefühl heraus bis nach Chile folgt und mit ihr an Studenten-Protesten teilnimmt.

FORM: Der Roman ist in fünfzehn Kapitel gegliedert, die abwechselnd in Leipzig (später in Chile) und im Bremischen Wulsbüttel ein paar Jahre früher spielen. Janko Marklein (*1988) wählte für seinen Erstling einen nüchternen Schreibstil fernab aller künstlerischer Spielereien. Klare, disziplinierte Sätze, die alles beschreiben, nur nicht die Innenwelt der Charaktere. Die muss man sich als Leser schon selbst zusammenschustern und da fällt eine Tatsache ganz besonders auf: Florian Berg ist furchtbar antriebslos. Alle Figuren haben Ziele, und wenn es nur das Beschaffen des nächsten Joints ist. Florian hingegen lässt sich treiben, reagiert nur und hat ganz klare Defizite in Sachen Empathie, ein Phänomen, dass sich nicht nur in der westdeutschen Provinz beobachten lässt (wie es unpassenderweise im Klappentext steht).

Marklein hat dieses Vor-sich-hin-Leben stilistisch ganz gut eingefangen, die Frage, die sich mir stellt, ist jedoch: Wozu soll ich das lesen? Ich spoilere mal etwas, indem ich verrate, dass sich Florian so gut wie nicht weiterentwickelt (der Entschluss, seiner Angebeteten nach Chile zu folgen, ist schon das Äußerste an Aktivismus). Zu einem guten Roman gehört doch aber auch, dass die Figuren eine Entwicklung durchmachen und am besten zu irgendeiner Erkenntnis kommen. Das war hier leider nicht der Fall. Es gibt im letzten Kapitel ein Gespräch, bei dem Florian so etwas wie eine passable Selbstbeschreibung liefert, das fand ich als finale Einsicht allerdings etwas dünn.

FAZIT: Marklein hat viel Talent aber wenig zu erzählen – drei Sterne.

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