Kathrin Schmidt | DU STIRBST NICHT

D 2009 | 348 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04098-2

Es klappert um sie herum. Als ihre Schwester heiratete, hatte die Mutter das Silberbesteck in eine Blechschüssel gelegt, auf eine Alufolie. Heißes Salzwasser darüber. Das saubere Besteck wurde nach einiger Zeit aus der Schüssel genommen und abgetrocknet: Es hatte genauso geklappert. Wer heiratet denn? (Seite 6)

INHALT: Helene Wesendahl erwacht in einem Krankenhaus ohne Erinnerung, unfähig zu sprechen oder sich zu bewegen. Ein Hirnschlag hat sie aus ihren Leben gerissen und in diese Welt der Ohnmacht getragen, in der sie alles neu erlernen muss, angefangen von den einfachsten Bewegungsabläufen, über den Einsatz der Sprache bis hin zum Erkennen und Zuordnen der Menschen, die sie täglich besuchen. Mit der Zeit kommen auch die Erinnerungen wieder: Matthes und die Kinder, ihre Freunde und Bekannten, ihre Berufung als Dichterin und Auftragsautorin. Aber auch scheinbar verschüttete Abgründe tun sich wieder auf. Die Beziehung zu Matthes war vor dem Schnitt schon lange nicht mehr so hingebungsvoll, wie sie sich jetzt zeigt. Und wie mit dem Brecheisen zwängt sich auch die Erinnerung an Viola in ihr Bewusstsein, eine Frau, für die sie alles aufgegeben hätte, wäre da nicht der Hirnschlag gekommen…

FORM: Die größte Leistung dieses Romans ist ohne Frage die Entwicklung der Figur Helenes. Im ersten Drittel, wenn alles noch löchrig und nebulös ist, sind die Gedanken noch Fetzen, verwirrende Bewusstseinsströme, die im Nichts enden. Später werden die Kapitel länger, die Gedanken verständlicher und ihre Ziele klarer. Alles wird regelmäßig unterbrochen von Kapiteln, die die Rehabilitation Helenes zum Gegenstand haben, ihren Kampf aus der Sprach- und Bewegungslosigkeit heraus in ein möglichst würdevolles Leben.

Matthes sitzt im Wohnzimmer, liest. Sie setzt sich leise in den Sessel neben seinem, er sieht fragend zu ihr hin. Ich sterbe, sagt sie ruhig.

Du stirbst nicht, sagt er ruhig. (Seite 348)

FAZIT: Besonders das stilistisch sehr starke erste Drittel hat mich unglaublich begeistert. Eine so intensive Beschreibung eines Innenlebens hab ich lange nicht gelesen. Danach flaute die Geschichte für meinen Geschmack etwas ab, nicht zuletzt, weil mir die Hauptperson mit jedem Aufdecken eines Geheimnisses immer unsympathischer wurde. Als sie noch nicht zu ihrer alten Art und Stärke zurück gelangt war, war mir Helene irgendwie lieber. Die literarische Qualität des Textes will ich damit aber nicht abwerten und vergebe vier Sterne.

Wer sich im Buchladen einfach mal von der besagten Qualität überzeugen will, empfehle das Kapitel über das Familienessen auf den Seiten 271 und 272; dieses kann meiner Meinung nach stellvertretend für den Ton stehen, der in DU STIRBST NICHT angeschlagen wird.

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