Sarah Perry | MELMOTH

UK 2018 | 332 Seiten
OT: »Melmoth«
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0664-3

Schauen Sie! Es ist Winter in Prag; die Nacht erhebt sich über die Mutter aller Städte und hüllt ihre hundert Türme ein. (Seite 13)

Helen Franklin, eine Engländerin Anfang vierzig, arbeitet als Übersetzerin in Prag. Sie lebt asketisch und unauffällig, gönnt sich nichts und pflegt auch kaum sozialen Umgang. Die einzige Beziehung, die gerade so als Freundschaft durchgehen könnte, hält sie zu Karel und Thea, einem kauzigen Pärchen, das selbst ziemlich isoliert lebt. Als Karel Helen eines Tages ein Manuskript überreicht, wird sie unvermittelt und mit großer Wucht von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Das Manuskript ist das Geständnis eines alten Mannes, der zu NS-Zeiten eine jüdische Familie an die Nazis verriet, und diese Schuld nach Kriegsende jemand anderem in die Schuhe schob. Seitdem wird er von einer düsteren Gestalt verfolgt – Melmoth, die Zeugin, die alles sieht und am Ende für jede Sünde die Rechnung präsentiert. Die Konfrontation mit dieser biblischen Gestalt, lässt Helen fast verzweifeln, denn auch sie hat seit Jahren an einer Schuld zu schleppen – der Grund für ihre selbstauferlegte Askese – und kann Melmoths Atem förmlich in ihrem Nacken spüren.


Was Sarah Perry (*1979 in England) uns in ihrem dritten Roman vorlegt, ist eine Mischung aus psychologischer Kriminalgeschichte á la SCHULD UND SÜHNE und klassischem Schauerroman, wobei sie sehr genau darauf achtet, dass die typisch düstere Atmosphäre dieser etwas aus der Mode gekommenen Genres nicht durch zu viel modernen Schnickschnack erhellt wird. Obwohl die Geschichte in der heutigen Zeit spielt, verzichtet Perry auf jeden technischen Fortschritt: fortbewegt wird sich nur zu Fuß oder in der Straßenbahn, man geht in die Oper und nicht ins Kino, nur an zwei oder drei Stellen taucht ein Handy auf, Smartphones oder das Internet scheint es gar nicht zu geben und gelesen wird nur auf Papier – sehr sympathisch. Allein das winterliche Prag, die Mutter aller Städte, mit ihren Türmen und Brücken und Burgen und Märkten, mutet hier so altertümlich an, dass man in der Szenerie eher eine Kutsche als einen E-Auto erwarten würde. Atmosphärisch ist der Roman mehr als gelungen.

Was die Titelfigur angeht – die treibende Kraft für alle Charaktere –, erlaubt sich Perry da schon mehr Freiheiten. Im Roman wird Melmoth als Bibelgestalt begründet. Sie soll eine der Frauen sein, die das Grab Jesu leer vorgefunden und seiner Auferstehung beigewohnt haben. Melmoth leugnete die Wiedergeburt und wandelt seither einsam und auf ewig durch die Zeiten, immer auf der Suche nach Sündern, die mit ihr reisen. Ich bin als Atheist naturgemäß nicht bibelfest, konnte aber selbst per Suchmaschine keine Figur dieses Namens im Neuen Testament finden. Stattdessen fand ich Verweise auf einen Roman aus dem frühen 19. Jahrhundert: MELMOTH DER WANDERER von Charles R. Maturin, eine englische Adaption des Faust-Themas, in der ein junger Student aus reinem Wissensdurst einen Pakt mit dem Teufel schließt, um daraufhin hundertfünfzig Jahre durch die Welt zu irren. Perry bedient sich also sehr frei bei einer literarischen Figur, ändert deren Ursprung und Geschlecht und lässt sie in der heutigen Zeit agieren, die wie eine längst vergangene Epoche wirkt – ein äußerst interessantes Vorgehen.

Das einzige, aber doch sehr schwer wiegende Manko ist, dass trotz dieser gelungenen Atmosphäre, der gut durchdachten Titelfigur und dem überraschenden Ende kaum Spannung aufkommt. Der Roman liest sich gut weg, Perry versteht etwas von ihrem Handwerk, am Ende aber bleibt kaum etwas hängen, das von Belang ist. Eine Handvoll Geschichten aus der Vergangenheit, in denen Melmoth vorkommt, eingebettet in die Rahmenhandlung um Helen – der Roman ist eher interessant als auf irgendeine Art packend, was für eine Schauergeschichte ein bisschen zu wenig ist.


978-3-8479-0664-3MELMOTH ist im Eichborn-Verlag erschienen, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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