Gregor Hens | MISSOURI

D 2019 | 284 Seiten
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03758-1

Seit Jahren hatte ich nichts von Stella gehört, als sie mir in einer Mail mitteilte, dass ihre Mutter einem langwierigen Krebsleiden erlegen war. (Seite 7)

Der junge Karl zieht Ende der 1980er Jahre von Köln nach Columbia an die University of Missouri, um dort als Deutschlehrer zu arbeiten. Dort verliebt er sich – gegen die Regeln der Universität – in die Studentin Stella, die sein rationalistisch geprägtes Weltbild gehörig ins Wanken bringt, denn sie besitzt die Gabe der Levitation: Wenn sie glücklich ist, überwindet sie die Schwerkraft und schwebt für ein paar Minuten über dem Boden. Für Karl, den Akademiker, der sich der Wissenschaft und ihren beweisbaren Ergebnissen verschrieben hat, grenzt diese Schwerelosigkeit an Zauberei und das Gefühl, etwas nicht zu verstehen, gefällt ihm gar nicht.

Doch das ist noch nicht alles, was sich in Karls Leben ändert. Ein gemeinsamer Besuch bei ihrer Familie bringt ihn mit Stellas Mutter Janet zusammen, die in der Folgezeit mehrere Annährungsversuche startet, eine Offensive, der Karl schlussendlich nicht gewachsen ist. Und während in Deutschland die Mauer fällt, erlebt Karl im freien Amerika eine Offenbarung nach der anderen.


Klingt doch eigentlich gar nicht schlecht, oder? Der Roman beginnt auch vielversprechend, reizt mit gut durchdachten Figuren und einer wunderbaren, den amerikanischen Romanciers jener Zeit nachempfundenen Sprache. Die schrulligen Professoren der ländlichen Universität und die einfachen Bewohner dieses Landstriches sind allesamt sehr liebevoll gezeichnet und zeigen die große Könnerschaft des Autors. Besonders gut gefallen hat mir die Reise durch den Westen der Vereinigten Staaten, die Karl mit Stella im Mittelteil des Buches antritt. Hier weiß Hens mit wenigen Details ein großes Fernweh bei seinen Lesern zu entfachen.

Diese Reise, sowie überhaupt die Liaison eines Mannes zu einem jungen Mädchen und deren Mutter – auch wenn die Absichten der Beteiligten gänzlich andere sind –, erinnert stark an Nabokovs LOLITA, ein Roman, auf den im Buch auch ständig Bezug genommen wird. Selbst die linguistische Auseinandersetzung mit dem Namen der Angebeteten wird imitiert. Hieß es bei LOLITA noch:

Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta.
(Vladimir Nabokov | Gesammelte Werke Band 8: LOLITA | Rowohlt 1989 | Seite 13)

können wir hier lesen:

Ein Sibilant explodiert zu einem T, zwei Silben fließen ineinander, plätschern, einem Gebirgsbach gleich, über die glatten Felsen des zweifachen L und ergießen sich in den kühlen, klaren Teich einer zutiefst femininen Endung: Stel-la. (Seite 23)

Alles schön und gut, doch leider ließ mich der Roman irgendwann fallen. Irgendwo ab der Hälfte wirkte es, als hätte der Text sein Ziel verloren, den Punkt auf den alles zusteuern sollte. Auch die Thematik um die Wendezeit in Deutschland wird nur kurz angerissen und später kaum wieder aufgegriffen; eines der vielen Motive, die im Sande verlaufen. Die Geschichte plätschert nur noch vor sich hin, verliert sich in akademischen Gesprächen über astronomische Begebenheiten und sprachliche Eigenarten, die für sich genommen durchaus interessant sind, die Story aber nur unnütz aufblähen. Dieses Gefühl der Ziellosigkeit wurde ich bis zum Ende nicht mehr los, das dann – im Gegensatz zum gemächlichen Mittelteil – rasend schnell und mächtig überstürzt über uns Leser hereinbricht.

Gregor Hens (*1965), der mir bis dato eher als Übersetzer denn als Autor aufgefallen ist, hat mit MISSOURI einen sprachlich versierten Roman vorgelegt, der leider nicht das einlöst, was er verspricht, und am Ende viel zu viele Fragen offen lässt. Hier hätten ein- oder zweihundert Seiten mehr sicher gutgetan.


9783351037581

MISSOURI ist beim Aufbau-Verlag erschienen, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet Ihr hier.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

 

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