Tanja Raich | JESOLO

A 2019 | 221 Seiten
Blessing Verlag
ISBN: 978-3-89667-644-3

Wir liegen am Strand in Jesolo. Du auf dem Bauch, ich auf dem Rücken. (Seite 7)

Jesolo, eine dieser Touristenhochburgen an der italienischen Adria, ist der Ausgangspunkt für Tanja Raichs gleichnamigen Debütroman. Andrea und Georg, beide Mitte Dreißig, sind schon seit ihrer Jugend ein Paar. Sie sind augenscheinlich glücklich miteinander, doch während sich für Andrea nichts an dieser Zweisamkeit ändern müsste, drückt Georg der Schuh. Er will heiraten, Kinder kriegen, ein Haus bauen, eben das, was man in diesem Alter klassischerweise so macht – ein Lebensentwurf, mit dem Andrea absolut nichts anfangen kann.

Die Beziehung scheint festgefahren und Streitereien stehen auf der Tagesordnung, daran kann selbst die romantische Altstadt Jesolos nichts mildern. Doch nach dem letzten Urlaub dort ist alles anders, denn Andrea ist ungewollt schwanger. Für sie beginnt ein Spießrutenlauf durch Arztpraxen, Vorbereitungskurse und uralte Rollenklischees. Von allen Seiten prasselt es auf sie nieder: Wie glücklich sie jetzt sein solle, was für ein Wunder die Schwangerschaft darstelle und was für grundlegende Veränderungen ihr jetzt bevorstünden. Doch während Gregor nur noch mit der Planung des zukünftigen Domizils beschäftigt ist und sich mit dem Status des werdenden Vaters rühmt, wächst in Andrea nicht nur das Kind, das sie nie wollte, sondern auch die Angst vor der Zukunft.


Tanja Raich (*1986), die sich in den letzten Jahren als Programmleiterin des Wiener Verlages Kremayr & Scheriau einen Namen machte, nimmt sich in JESOLO eines schwierigen Themas an: Moderne Frauen in veralteten Rollenbildern. Wenn man die Dreißig kinderlos überschritten hat, häufen sich die Fragen nach der Familienplanung. Bei Männern gilt es üblicherweise als nicht verwerflich, wenn sie noch nicht so weit sind. »Der Mann möchte sich eben noch austoben, er braucht seine Freiheit und hat später noch genug Zeit.« Frauen allerdings verstoßen gleich gegen mehrere alteingesessene Normen, wenn sie die Frage nach dem Kinderwunsch negativ beantworten – eine soziale Ungerechtigkeit, der Tanja Raich hier auf den Grund geht.

Dies macht sie mit kurzen, präzisen Sätzen, die den zynischen, aber hilflosen Charakter der Hauptfigur sehr gut widerspiegeln. Andrea – früh von der Mutter verlassen und mit einem schwierigen Verhältnis zum Vater – braucht das Modell Familie nicht, um ihr Leben zu bestreiten. Sicher: In den teils unverarbeiteten Erlebnissen ihrer Jugendjahre liegt ihr innerer Zynismus begründet, und mit einer harmonischeren Familie wäre sie diesbezüglich vielleicht etwas entspannter. Aber sie ist, wer sie ist, und wenn sie in die glücklichen Gesichter der Werbefamilien schaut, wo die Mütter lachend die dreckigen Hosen ihrer Lausebengel waschen, oder die hart arbeitenden Väter sich an die gemachten Abendbrotstische setzen – in genau solch einer Vorzeigefamilie ist Georg aufgewachsen –, kommt ihr die Galle hoch. Zu Recht! Allerdings weiß sich Andrea auch wenig zu helfen und geht während ihrer Schwangerschaft nach und nach immer mehr Kompromisse ein.

Raich führt uns in zehn Kapiteln – eins für Jesolo und eins für jeden Schwangerschaftsmonat – durch Andreas Kampf mit sich und ihrem Umfeld, benennt Ängste und Wünsche, beschreibt Gedanken und Träume und findet eindringliche Bilder, um zu zeigen, wie nah ihre Hauptfigur einer Ohnmacht ist, nur um den Rollenbildern gerecht zu werden.
Ein intensiver und äußerst lesenswerter Roman.


9783896676443.jpgJESOLO ist beim Blessing-Verlag erschienen, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet Ihr hier. Weitere Rezensionen gibt’s bei der Buchbloggerin, bei lesenslust und Literatur outdoors.
Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

3 Gedanken zu “Tanja Raich | JESOLO

  1. […] „Raich führt uns in zehn Kapiteln – eins für Jesolo und eins für jeden Schwangerschaftsmonat – durch Andreas Kampf mit sich und ihrem Umfeld, benennt Ängste und Wünsche, beschreibt Gedanken und Träume und findet eindringliche Bilder, um zu zeigen, wie nah ihre Hauptfigur einer Ohnmacht ist, nur um den Rollenbildern gerecht zu werden. Ein intensiver und äußerst lesenswerter Roman.“ – Bookster HRO […]

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