Thorsten Nagelschmidt | ARBEIT

D 2020 | 334 Seiten
S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397411-9

»Tschuldigung, haben Sie vielleicht Feuer?«
»Gegenfrage, Gretchenfrage: Hast du ’ne Zigarette?«
(Seite 9)

Samstagabend am Rostocker Stadthafen. Ich sitze in meinem Wagen auf dem Parkplatz neben der Compagnie und schaue auf die Total-Tankstelle auf der anderen Straßenseite. Seitdem die Corona-Beschränkungen etwas gelockert wurden, ist hier wieder mehr Betrieb, auch wenn die Kneipen schon um neun Uhr dichtmachen. Die Leute sehnen sich danach, wieder vor die Tür zu gehen, wieder auf den Putz zu hauen. Sie sitzen trotz der niedrigen Temperaturen auf den endlosen Stufen entlang der Warnow, neben sich ein Einweggrill und flaschenweise Alk. Und auch wenn sich morgen wieder alle aufregen, wie es hier aussieht, überall der Müll, die Flaschen, die Scherben, der ganze Dreck – wer kann es ihnen verübeln, sie mussten so viele Wochen die Füße stillhalten.

Ich warte – wie jedes Wochenende – auf Steve, der mich mit meiner Wochenration versorgt. Was den Stoff angeht, bin ich offen und experimentierfreudig. Steve trifft nicht immer meinen Geschmack, aber er ist ein guter Kerl, deswegen nehme ich ihm seine Ausrutscher nicht übel und behalte ihn als Dealer. Drüben an der Tanke ist ein reges Kommen und Gehen. Ganze Heerscharen schleppen kistenweise Zeug aus dem Laden. Es ist kurz nach neun und die ganzen Kneipengänger holen sich ihren Fusel für die Nacht, nicht mehr lange und der Stadthafen wird voll und laut – wo bleibt Steve? Ich nippe an meinem Red Bull.

In dem Moment öffnet sich sich die Beifahrertür und Steve hüpft gut gelaunt ins Auto.
»Moin min Jung!«, ruft er und boxt mich auf den Oberarm.
»Moin Steve! Alles gut?«
»Logisch! Schlechten Menschen geht’s doch immer gut, oder?«
»Hast du was dabei?«
»Nicht so schnell, mein Freund, nicht so schnell. Vorher möchte ich dich um etwas bitten. Lass uns einfach mal hier sitzen und das Treiben ein bisschen beobachten.«
»Welches Treiben? Wollen wir nicht erstmal das Geschäftliche…«
»Warte doch mal kurz. Hast du’s eilig, oder was? Wir beobachten jetzt mal die Tanke und den Stadthafen. Dauert nur ’ne halbe Stunde oder so. Ich prophezeihe dir, in den nächsten dreißig Minuten kommt mindestens ein Krankenwagen mit Blaulicht hier vorbeigerauscht, ein Streifenwagen, der an der Tanke hält, ein Flaschensammler, ein Pizzalieferant und es wird eine Schlägerei geben.«
Ich runzle die Stirn. »Bist du jetzt ein scheiß Orakel, oder was?«
Ohne zu antworten, reicht er mir den Umschlag mit dem Stoff. Ich schiele von oben in die Öffnung. Schwarzes Cover, gelbe Schrift. »Irgendwas mit Fußball? Ich hasse Fußball! Nichts mit Fußball, Steve, das habe ich dir doch schon…«
»Bleib locker, ist nichts mit Fußball. Ist was mit dem, was ich gerade prophezeiht habe.«
»Flaschensammler? Pizzafritzen? What?«
»Es geht um die Nacht, mein Freund. Um die armen Schweine, die nachts ihren Dienst tun müssen, während alle um sie herumtanzen und sich die Birne wegballern.«
»Ein Drogendrama?«
»Nein, anders … es geht nicht um das Partyvolk, sondern um die, die aufpassen, dass das Partyvolk nicht zu schnell gelangweilt ist, aber auch nicht jede Nacht in ihrer eigenen Pisse ertrinkt, verstehst du? Die Taxifahrer, die Zivilbullen, die Sanitäter, die Türsteher, die Leute in den Spätis…«
»Spätis? Wo spielt’n das? In Berlin?«
»Kreuzberg.«
»Na, da ist ja jetzt wohl auch nicht mehr ganz so viel los.«
»Naja, das wusste der Nagelschmidt beim Schreiben ja noch nicht.«
»Nagelschmidt?« Ich hole das Buch aus dem Umschlag und überprüfe den Namen. »Der Sänger?«
»Jaja, der von Muff Potter.«
»Ach, der schreibt jetzt? Hab schon ewig nichts mehr von dem gehört.«
»Ist nicht sein erstes Buch. Sein letzter Roman ist auch schon bei Fischer erschienen. Kann ich dir besorgen, wenn du auf das hier abfährst.«
»Wie ist denn die Wirkung so?«
»Das musst du schon selbst rausfinden. Aber ich kann dir versprechen: Das Zeug haut rein, es ist … authentisch. Da weiß einer ganz genau, wovon er schreibt.«

Plötzlich scheppert es laut vor der Tanke. Ein bulliger, weißer 5er-BMW ist in ein winziges E-Auto vom Domino’s Lieferdienst gekachelt. Das E-Auto ist völlig hinüber, der BMW dagegen sieht immernoch nagelneu aus. Der Pizzafahrer liegt mit dem Oberkörper auf der Hupe, die die ganze Zeit vor sich hinplärrt. Aus dem BMW springt ein muskulöser Techno-Atze. Er reißt die halb verbogene Pizza-Auto-Tür aus den Angeln, zerrt den Lieferanten aus dem Wrack und brüllt auf ihn ein. Ein paar Leute kommen aus der Tanke und versuchen, die beiden zu trennen, dabei setzt es die ersten Schläge. Ein Riesentumult, lautes Geschrei, das gedämpfte Knacken von brechenden Nasen. Keine drei Minuten später kommt die Polizei, gefolgt von einen Krankenwagen und die Szene wird in blitzendes Blaulicht getaucht.
Ich schaue ungläubig zu Steve, der mir grinsend die Faust hinhält.
»Der Flaschensammler fehlt noch«, versuche ich, seinen Sieg zu schmälern.
»Wart’s ab, die dreißig Minuten sind noch nicht rum.«
Und tatsächlich, an der Ecke der Compagnie erscheint ein Einkaufswagen voller Leergut, geschoben von einer alten Frau, die langsam an meinem Auto vorbeiklappert, ohne auch nur einmal den Blick von der Tanke zu nehmen.
»Steht alles da drin«, sagt Steve und zeigt auf den Umschlag, »denn so etwas passiert jede Nacht irgendwo und irgendwie.«
»Ich nehm’s. Was willst haben?«
»Zweiundzwanzig.«
»Hab nur zwanzig«, sage ich und halte ihm den blauen Schein hin.
»Passt schon«, sagt Steve, schnappt sich den Zwacken und meinen Red Bull und steigt aus. Vor dem Auto kippt er sich den Drink hinter die Kiemen und legt die Dose der Flaschensammlerin in den Einkaufswagen. Sie bedankt sich tausendfach bei ihm und klappert weiter Richtung Matrosendenkmal. Steve dreht sich nochmal zu mir um und verbeugt sich tief. Ich lächle und zeige ihm den Daumen. Ab nach Hause jetzt, es gibt viel zu tun.


u1_978-3-10-397411-9ARBEIT erschien beim S. Fischer-Verlag dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt Ihr zur Verlagseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

14 Gedanken zu “Thorsten Nagelschmidt | ARBEIT

  1. Wie gut, in Zeiten wie diesen, wenn der örtliche Dealer via WhatsApp erreichbar ist und Lieferservice betreibt. Portemonnaieschonender als jetzt, wo sein Wohnzimmer zum Betreten einlädt 😉

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  2. Coole Socken, ihr beide. Dein Dealer für den Stoff und Du – kaltblütig, wie ihr das durchzieht. Und mich auch noch angefixt … saubere Arbeit, Jungs! Bis die Tage – Bri

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