Leonard Gardner | FAT CITY

USA 1969 | 223 Seiten
OT: »Fat City«
aus dem Amerikanischen von Gregor Hens
Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05039-9

Er wohnte im Hotel Coma, das seinen Namen vielleicht dem Stadtgründer verdankte, einem kalifornischen Entdecker oder Pionier, oder einem vor langer Zeit verstorbenen italienischen Einwanderer, der schlicht ein Hotel gebaut hatte. (Seite 5)

INHALT: Billy Tully ist erst Ende zwanzig, steht aber schon am Ende seiner Karriere. In jüngeren Jahren war er ein umjubelter Boxer, dem eine rosige Zukunft prophezeit wurde. Doch dann kamen der Suff, die Frauen und der körperliche Verschleiß. Heute ist er nur noch ein Wrack, hält sich mit kraftraubenden Gelegenheitsjobs als Erntehelfer über Wasser und versinkt allabendlich in Selbstmitleid zwischen düsteren Bars und schäbigen Motelzimmern. Als er beim Training dem Box-Neuling Ernie Munger ein paar Tricks beibringen will, kommt Tully übel unter die Räder – und das durch einen blutigen Anfänger! Tully packt der Ehrgeiz; er will es noch einmal wissen. Doch so leicht wie vor zehn Jahren noch ist das Geld nicht mehr zu verdienen – der Ton ist rauher, die Gegner sind härter und die Manager gewiefter. Und auch Ernie Munger stellt sich den Herausfordungen, die der Sport und auch das Leben für ihn bereithalten.

FORM: Leonard Gardner (*1933), dessen Boxer-Millieustudie von 1969 sein bis dato einziger Roman blieb, schreibt in nüchterner, einfacher Sprache, was sehr gut zur allgemeinen Trostlosigkeit passt, die sowohl den Handlungsort als auch die Figuren permanent umweht. Die Geschichte spielt in den 1950ern in Stockton, Kalifornien, einem tristen Kaff nahe San Francisco, das so gar nicht zu dem glamourös klingenden Titel passen mag. FAT CITY, eine Art El Dorado, das Ziel aller Träume, bleibt für die meisten auch Wunsch und Illusion.

Gardners zumeist männliches Personal ist simpel gestrickt, was man besonders gut in den Dialogen erkennt, die sich ständig im Kreis drehen. Alle haben eine ungefähre Ahnung von dem, was sie sagen wollen, und trotzdem quatschen sie aneinander vorbei. Sie sind aggressiv, egoistisch und – aus heutiger Sicht kaum zu ertragen, aber wohl der Zeit geschuldet – furchtbar frauenfeindlich. Aber auch die Damen bekleckern sich nicht mit Ruhm, sind rauh und einfältig.

Zu stilistischer Hochform läuft Gardner in den Boxkämpfen auf, bei denen er dank präziser Wortwahl und zielsicheren Sätzen enorme Spannung aufbaut. Ich selbst bin kein großer Box-Fan – um ehrlich zu sein, habe ich noch nie einen kompletten Kampf gesehen und quittiere jeden Bericht über diesen Sport mit fassungslosem Kopfschütteln –, in diesem Roman jedoch fieberte ich ordentlich mit, was aber eher an den Charakteren und weniger am Sport lag. Es gibt auch eine Verfilmung von 1972 mit Stacey Keach und Jeff Bridges in den Hauptrollen, Gardner selbst schrieb das Drehbuch. Vielleicht bekommt man den ja mal irgendwo zu sehen.

FAZIT: Eine Milieustudie über das Verpassen des american dream. Ohne Pathos, völlig unsentimental und sehr authentisch – fünf Sterne.


9783351050399

Ich danke dem Blumenbar-Verlag für das Rezensionsexemplar. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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