Hank Zerbolesch | RAW

D 2018 | 161 Seiten
Periplaneta
ISBN: 978-3-95996-115-8

Foday Sankoh. Keim der sierra-leonischen Revolution. Erst erschoss er meinen Vater. Dann nahm er seinen Platz ein. Nicht in dem Tempo. Aber in genau der Reihenfolge. (Seite 5)

Es gibt Bücher, die Seite für Seite gemächlich vor sich hinplätschern und – ist der Plot auch noch so gut – schon ein paar Wochen nach der Lektüre in Vergessenheit geraten. (Leider muss ich immer öfter feststellen, dass es viel zu viele davon gibt.) Und dann gibt es Bücher, so voller Kraft und Härte, dass jede Szene einzeln ins Hirn dringt, und finster droht, auf ewig dort zu verharren. RAW von Hank Zerbolesch ist ein solch eindringliches Buch – Lieber Himmel: Wie soll ich nur je wieder ohne Hintergedanken an einem Bestattungsunternehmen vorbeigehen‽

In knapp dreißig zum Teil recht kurzen Kapiteln führt uns Hank Zerbolesch (*1981) durch ein Milieu aus Säufern, Schlägern und Huren, aus Kranken, Verbitterten und Gebrochenen. Sex und Gewalt, Mord und Totschlag – nichts wird ausgelassen, Zerbolesch hält immer feste drauf. Das Blut spritzt, die Knochen knacken, die Säfte fließen; es wird geflucht, geprügelt und gedemütigt. Zugegeben: für Romantikbedürftige ist das nichts und auch die Optimisten unter uns werden in RAW auf eine harte Probe gestellt. Dennoch – oder besser: Trotzdem – blitzen hier und da immer mal wieder Emotionen aus dem positiven Bereich des Gefühlsspektrums auf, und auch hier stets zu hundert Prozent. Egal, was passiert – so scheint das Credo Zerboleschs zu sein –, gib immer alles!

Stilistisch zeigt sich Zerbolesch talentiert und experimentierfreudig, und bietet eine Vielzahl an Erzähltechniken, die er sämtlichst beherrscht. Die einzelnen Szenen bauen dabei lose aufeinander auf, sodass wir uns als Leser von Figur zu Figur hangeln. Manche Zusammenhänge liegen offen dar, andere müssen wir uns selbst knüpfen. Räumlich spielt alles mehr oder weniger in einer einzigen namenlosen Großstadt, zeitlich allerdings macht Zerbolesch teils große Sprünge. Das ergibt am Ende einen deftigen Querschnitt durch die untersten Schichten unserer Gesellschaft, und zieht an dessen Rändern alle mit, die mit ihr zu tun haben: Polizisten und Sanitäter, Lehrer und Bestatter. Betitelt sind die Episoden mit Zeilen aus Rap- und Rock-Songs, was dem (Anti-)Roman einen authentischen Soundtrack verschafft, ohne in die üblichen Gangsta-Klischees zu verfallen. Großartig!

Es bleibt zu betonen, dass Zerbolesch der beste Beweis dafür ist, dass es außerhalb der akademischen Kreise Stimmen gibt, die gehört werden wollen. Hier spricht die Straße, die sich um den Mainstream einen Scheißdreck kümmert. Knallhart, bitterböse und unfassbar echt.


978-3-95996-115-8

RAW ist als Taschenbuch beim Berliner Indie-Verlag Periplaneta eschienen. Informationen zu Buch und Autor findet Ihr auf der Verlagsseite. Großen Dank geht an den Autor für die Übersendung des Rezensionsexemplares und ins Buchrevier, dessen Rezension mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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