Tom Robbins | PAN AROMA

USA 1984 | 557 Seiten
OT: »Jitterbug Perfume«
Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-499-15671-7

Die Rote Bete ist das intensivste aller Gemüse. Zugegeben, der Rettich ist aufregender, aber das Feuer des Rettichs ist ein kaltes Feuer, ist das Feuer der Unzufriedenheit, nicht das der Leidenschaft. Tomaten sind immerhin lebhaft frisch, aber Tomaten werden durchzogen von einem Hauch Frivolität. Rote Beten sind todernst. (Seite 9)

INHALT: Vor mehr als tausend Jahren herrscht König Alobar über sein Volk in den Böhmischen Wäldern. Er ist ein sanfter und beliebter König, doch als erste Anzeichen der Alterung kommen, geht auch seine Zeit vorüber. In seinem Reich ist es seit jeher üblich, den König beim ersten grauen Haar durch einen jüngeren zu ersetzen und bei einem rauschenden Fest hinzurichten. Doch Alobar hängt am Leben und kann durch eine List fliehen.

Nach langen Wanderungen fängt er in dem weit entfernten Fürstentum Aelfric ein neues Leben unter den Bauern an und lebt ein Jahr lang glücklich und zufrieden. Bei den Bauern gibt es einen alten Brauch: Einmal im Jahr, zu einem wilden Fest, wird ein großer Kuchen gebacken, zerschnitten und unter den Männern aufgeteilt. In einem Stück befindet sich eine kleine, harte Bohne und wer sie bei einem Bissen im Mund verspürt, darf sich für die nächsten zwölf Tage »König der Bohne« nennen und ungehemmt alles tun, was ihm in den Sinn kommt, ohne eine Strafe zu befürchten. Wie der Zufall es will, landet die Bohne in Alobars Mund, der daraufhin sein Amt antritt. Doch der Brauch sieht auch vor, dass nach Ablauf der zwölf Tage dem Bohnenkönig die Kehle durchgeschnitten wird.

»Ich bin ein zweifacher König und ich bin zweifach verurteilt – und ich habe die Sache zum Kotzen satt. Erst ein Haar, und dann eine Bohne. Wenn der Tod mich holen will, dann soll er auf einem hellen Pferd geritten kommen, Asche im Mund, Eis in den Hoden; meinetwegen soll er eine Sichel schwingen und schreckliche Geräusche machen, aber er soll persönlich kommen und nicht irgendein Haar schicken, irgendeine beschissene kleine schwarze Bohne, die hammelärschige Bäuerinnen in irgendwelchen Naschkram einbacken. Und selbst dann würde ich nicht unbedingt mitgehen. Um ehrlich zu sein, die Art, wie der Tod seinen Geschäften nachgeht, gefällt mir nicht.« (Seite 69)

Alobar sucht den ansässigen Schamanen auf, der ihm rät, in den fernen Osten zu reisen und in den Höhlen am Fuße des Chomolungmas nach den Meistern zu suchen, die die Macht über den Tod haben. Dort werde Alobar finden, was er sucht – das ewige Leben. Doch er findet auch die ewige Liebe zu Kudra, der Frau seines Lebens, und die Freundschaft zum Gott Pan, der stinkt wie die Sünde selbst.

Gut tausend Jahre später, Mitte der 1980er Jahre in Seattle, versucht die Hobby-Parfümeurin Priscilla einen Duft zu reproduzieren, den sie in einem uralten Flakon gefunden hat. Kopf- und Herznote sind ihr bekannt, Jasmin und Limone, doch so sehr sie sich auch bemüht, die Basisnote bleibt ein Rätsel. Erst als immer mehr Rote Beten auf ihrer Türschwelle abgelegt werden und sie den exzentrischen Esoteriker und Unsterblichkeitsforscher Wiggs Dannyboy bei einem seiner Seminare kennenlernt, kommt Licht ins Dunkel. Dannyboy ist von seiner Sache vollkommen überzeugt, denn er kennt jemanden, der wirklich und wahrhaftig schon über tausend Jahre alt sein soll…

(Ich merke gerade, dass ich bei diesem Tempo nicht fertig werde. Was das alte Parfümfläschchen mit Alobar zu tun hat, wie es ihm in all den Jahrhunderten ergangen ist, warum Priscilla so besessen von dem Duft ist, hinter dem auch eine Parfümhändlerin aus New Orleans, ihre Assistentin und ein Kosmetikkonzern aus Paris her sind, und was all die Roten Beten bedeuten sollen, kann man unmöglich in ein paar Absätzen unterbringen. Liebe Leute: Leset und staunet selbst!)

FORM: Tom Robbins (*1932) gilt als einer der wildesten amerikanischen Schriftsteller, einen Titel, den er mit PAN AROMA einmal mehr unter Beweis stellt. Mittlerweile hat der Roman schon über dreißig Jahre auf dem Buckel und noch nichts von seiner Spritzigkeit und seinem Humor verloren. Robbins erzählt seine phantastische Geschichte indem er abwechselnd Alobar auf seiner Reise durch die Zeitgeschichte begleitet, und dann wieder Priscilla (und ihre Widersacher in New Oreans und Paris) auf ihrem Weg zur Lösung des Duftgeheimnisses, ohne erkennbare Verbindungen. Und während das Fragezeichen über des Lesers Kopf immer größer wird, nimmt Robbins die Kelle und rührt die Suppe nochmals kräftig um und würzt sie erst auf den letzten hundert Seiten mit den rettenden Erklärungen.

Stilistisch schwankt der Ton zwischen mittelalterlich-archaisch bei den Abenteuern Alobars und skurril-witzig bei denen Priscillas. Gerade die Charaktere der Seattle- und New Orleans-Kapitel hätten mit ihrer Mixtour aus Hochintelligenz und Tolpatschigkeit auch aus der Feder Thomas Pynchons stammen können. Zusätzlich ist der komplette Roman mit den für Robbins typisch saftigen Sexszenen gespickt, für die er sicherlich den Bad-Sex-in-Fiction-Award bekommen hätte, wenn es diesen 1984 schon gegeben hätte. Daran kann man sich stören, andererseits zeugen sie nur umso mehr von der Wildheit des Autors – Mir hat’s gefallen!

FAZIT: Dieser irre Roman wurde mir vor einiger Zeit schon von einem Freund empfohlen, der bei seiner Lobeshymne manche Textstellen sogar auswendig rezitierte (so zum Beispiel Alobars oben erwähnte Wutrede auf die feigen Methoden des Schnitters). Imponiert und angefixt wie ich war, habe ich mir PAN AROMA gleich geholt und ins Regal gestellt. Nun endlich kann ich einen Haken dahinter machen und besten Gewissens sagen: Danke O. für diese Empfehlung! PAN AROMA ist Kult und wirklich ein großer Genuss. Ich vergebe feierlich fünf Sterne.

6 Gedanken zu “Tom Robbins | PAN AROMA

  1. Nachtrag: Augrund deiner immens neugierig machenden Rezension habe ich mir „Völker dieser Welt relaxt“ von Robbins besorgt und ich muss sagen, ich bin begeistert. Thanks nochmal.

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    • Oh, wie schön, dass es Dir gefällt! Bin gespannt auf Dein Urteil.
      Robbins ist in letzter Zeit etwas in Vergessenheit geraten; Grund genug, sich wieder mehr mit ihm zu beschäftigen. Ich kannte von ihm bisher nur B WIE BIER, ein kurzweiliges „Kinderbuch“. Ich werde in nächster Zeit auch noch ein paar seiner Romane nachholen.

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      • Bisher bin ich höchst angetan und denke das wird so bleiben. Sollte ich Zeit finden wird es ganz sicher auf den Blog kommen. Verdient hat er es und das nächste Buch kommt sicher. Schön hier immer wieder auf Perlen zu stossen. Wünsche dir viel Vergnügen an seinen Werken und herzliche Grüße

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