Martina Altschäfer | ANDRIN

D 2020 | 264 Seiten
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-947857-05-0

»Das Apartment, das Ferienhaus – direkt am Meer; das Dorf – im Juni noch absolut verschlafen, später, im Juli und August, etwas stärker frequentiert«, das gab er zu.

(Seite 5)

Susanne ist Ghostwriterin und bekommt von ihrem Verlag die ehrenvolle Aufgabe, die Memoiren eines ruhmreichen Industriellen niederzuschreiben. Um völlig befreit und sorglos diese anspruchsvolle Arbeit zu meistern, wird ihr eigens ein Ferienhaus an der italienischen Küste zur Verfügung gestellt, wo sie jedoch nie ankommt.

Die Zugfahrt dorthin wird witterungsbedingt unterbrochen und sie macht sich – einer Laune folgend – zu Fuß auf den Weg über einen Gebirgspass in den Schweizer Alpen. Zunächst scheint das Wetter mild, doch schnell gerät sie in einen Sturm und wird – am Wegesrand sitzend und völlig entkräftet – von einem älteren Herrn aufgelesen und in dessen Haus in den Bergen gebracht. Eigentlich will Susanne am nächsten Tag gleich weiter, doch irgendetwas hält sie in dem kleinen Ort Voglweh fest, in dem Andrin – ihr Retter in der Not – und dessen Frau Uta als einzige Bewohner ein angenehm freies Leben jenseits der Zivilisation führen. Die Zeit fließt dahin und aus Tagen werden Wochen und Monate. Kein Netz, keine Termine, keine Verpflichtungen – alles im Einklag mit der Natur, die reichlich gibt, wenn man nur nimmt, was man wirklich braucht.


Eine selbstbewusste Frau, die von einer wichtigen Aufgabe abgelenkt wird und für lange Zeit in einer Art Zwischenwelt in den Bergen festsitzt … habe ich so etwas Ähnliches nicht gerade erst gelesen? Stimmt: Die Grundidee erinnert an DAS FLÜSSIGE LAND von Raphaela Edelbauer, die mit ihrem Debütroman im letzten Jahr auf den Shortlists des Deutschen und des Österreichischen Buchpreises stand. Doch während Edelbauer ihren Mystery-Krimi-Mix mit einem ordentlichen Schuss Gesellschaftskritik anreichert, schlägt Martina Altschäfer (*1960) einen eher sanfteren Weg ein, durch die Natur und deren heilenden Kräfte.

Esoterik also? Ich gebe zu, dass dieses Wort für mich ein äußerst negativ besetzter Reizbegriff ist, und bin heilfroh, dass Altschäfer es damit nicht übertreibt. Während der Handlung schrammt sie gefährlich oft an der Grenze zum Naturkitsch entlang – Andrin hängt kleine Steine wie Teebeutel in frisches Quellwasser, das daraufhin kräftigend wirkt aber auch betrunken macht; das ganze Jahr über wachsen Obst und Gemüse im Überfluss in seinen Gärten; und das Essen, das er jeden Tag daraus zaubert, ist wie ein Festmahl für die Götter –, ohne diese Grenze je wirklich zu überschreiten.

Dass man auch als Esoterik-Skeptiker bei ANDRIN am Ball bleibt, liegt an Altschäfers Sprache. Das Buch liest sich wie ein nachträglicher Reisebericht aus der Sicht Susannes, der die Autorin einen lockeren, oft sarkastischen Ton in die Feder legt. Susanne ist eine moderne Frau – selbstbewusst, mondän, mit allen Wassern gewaschen – und alles andere als eine Träumerin. Dass gerade eine solche Person in eine so heidnisch anmutende Halbwelt gerät, in der Regeln gelten, die nüchtern betrachtet schwer zu verstehen sind, macht den großen Reiz des Buches aus.

Unterhaltsam, gut geschrieben, lesenswert.


ANDRIN erschien im Mirabilis Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin findet. Dort gibt es auch die Möglichkeit, eine limitierte Sonderausgabe zu ergattern, die einen Originalholzschnitt von Martina Altschäfer enthält.
Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

2 Gedanken zu “Martina Altschäfer | ANDRIN

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