Joachim Meyerhoff | ALLE TOTEN FLIEGEN HOCH Teil 2: WANN WIRD ES ENDLICH WIEDER SO, WIE ES NIE WAR

D 2013 | 351 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04516-1

Mein erster Toter war ein Rentner. (Seite 7)

INHALT: Joachim wächst als jüngster von drei Söhnen in einer Nervenheilanstalt für Kinder und Jugendliche auf, in der sein Vater der Direktor ist. Das Wohnhaus der Familie Meyerhoff steht mitten auf dem Anstaltsgelände, umgeben von Plattenbauten voller psychisch Kranker – ein ganz besonderer Ort zum Heranwachsen. Hinzu kommen die nicht enden wollenden Schikanen der älteren Brüder, das eher kalte Eheleben der Eltern und nicht zuletzt Joachims eigene Schwierigkeiten beim Bewahren von Konzentration und dem maßvollen Einsatz von Aggressionen. Joachim ist kein leichtes Kind, umgeben von Krankheit und Tod, doch er meistert sein Leben und trotzt dem norddeutschen Gegenwind.

FORM: Der eigenen Jugend hat sich Joachim Meyerhoff (*1967) im zweiten Band seiner Romanreihe ALLE TOTEN FLIEGEN HOCH gewidmet, wobei er im Text auch ganz bewusst auf die Romanform pocht. »Erfinden heißt Erinnern«, so seine Erkenntnis gleich zu Beginn auf Seite 22, als er als Siebenjähriger den Fund einer Leiche vor seiner gebannten Zuhörerschaft immer abenteuerlicher ausschmückt, bis er dem Toten etwas andichtet, das auch in Wirklichkeit da war. Und wie in diesem ersten Kapitel, so bleibt auch das ganze Buch in einem Schwebezustand zwischen Biografie und Fiktion – so erklärt sich auch der scheinbar paradoxe Titel. Seinem Motto folgend führt uns Meyerhoff durch eine turbulente Zeit, die von den Mittsiebzigern bis in die frühen Neunziger reicht.

Neben einem witzig aber immer respektvoll beschrieben Insassen-Panoptikums – hier sind freilich die meisten Lacher versteckt –, ist der Vater in diesem Zeitraum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und Joachims größte Bezugsperson. Meyerhoff verwendet viel Zeit für die Entwicklung und Zeichnung der Vaterfigur, die voller Geheimnisse steckt, und macht sie zur eigentlichen Hauptfigur. Die Beziehungen des Vaters zu den Patienten, zu seinen Söhnen und zu seiner Frau wird mehrere Male hinterfragt und verändert, dadurch erhält diese Figur – und mit ihr auch der ganze Roman – eine wohltuende Tiefe.

Meyerhoff schafft es in diesem Band also, nicht nur ein paar lustige Anekdoten aneinanderzureihen, sondern auch, seinem Buch eine Art tiefere Message mitzugeben – eine Kunstfertigkeit, die ich im ersten Band AMERIKA schwer vermisst habe. Im direkten Vergleich der beiden Teile ist mir auch postiv aufgefallen, dass Meyerhoff ein sehr viel besseres Timing hat. Das Tempo der beschriebenen Szenen ist um Einiges ausgeglichener und kann von Anfang bis Ende ein gleichbleibendes Level halten.

FAZIT: Eine großartige Jugendgeschichte voller skurriler Figuren, unglaublicher Anekdoten von Tod und Trauer, aber auch randvoll mit Lebensfreude. Fünf Sterne.


9783462045161WANN WIRD ES ENDLICH WIEDER SO, WIE ES NIE WAR erschien 2013 bei Kiepenheuer & Witsch. Alle weiteren Informationen findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

4 Gedanken zu “Joachim Meyerhoff | ALLE TOTEN FLIEGEN HOCH Teil 2: WANN WIRD ES ENDLICH WIEDER SO, WIE ES NIE WAR

  1. Ich glaube, ich muss diesen Teil noch einmal lesen, ich bin damals nicht so richtig warm mit ihm geworden. Der dritte dagegen ist ein absolutes Highlight für mich gewesen, den ich auch für stärker halte als den vierten, meine Besprechung dazu kommt morgen. Schön, dass Du Meyerhoff auch magst! Ich wünsche einen guten Rutsch und ein schönes neues Jahr!

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