Morton Ramsland | DIE LEGENDE VOM GOLDENEN EI

DK 2017 | 276 Seiten
OT: »Æg«
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-422-4

Sie fanden mich unten im Moos, umschlungen von einer Baumwurzel, die aus dem Erdhaufen ragte. (Seite 7)

Vor einigen Jahren legte Morten Ramsland mit seinem Roman HUNDSKÖPFE eine grandiose Familiensaga hin, die für mich ganz eindeutig zu den Büchern des Jahres gehörte. Der Folgeroman SUMOBRÜDER konnte mich dagegen nicht überzeugen – eine Orgie der Gewalt unter Schulkindern ohne tieferen Sinn. Nun hat er mit DIE LEGENDE VOM GOLDENEN EI eine Art Märchengeschichte vorgelegt, nach deren Klappentext ich nicht lange gefackelt und zugegriffen habe.

Das besagte goldene Ei ist ein Relikt einer längst vergangenen Zeit, das seit unzähligen Generationen im Besitz einer Familie auf der dänischen Insel Fünen ist. Wie es in die Familie gekommen ist, auf welch verzweigten und ungeahnten Pfaden es sein Ziel gefunden hat, wäre über die Jahrhunderte längst vergessen, wenn dieses Ei nicht die Erinnerung selbst wäre. Wer es berührt, kennt die komplette Geschichte, und dieses Wissen muss bewahrt werden. Da ist von Moorhexen die Rede und sagenhaften Rittern, von Dorfdeppen und Königen, von magischen Steinen, Liebestränken und der heiligen Verbindung zwischen Mensch und Natur. Doch nicht alle Familienmitglieder haben die Gabe, das Ei zu lesen, und in unserer heutigen durchtechnisierten Welt gibt es immer weniger, die überhaupt noch daran interessiert sind.

Morten Ramsland (*1971) erzählt in bester Märchentradition von den Anfängen des Eies – gefunden in der Nachgeburt einer von einem stolzen Ritter geschwängerten Dorfschönheit. Die Sprache während dieser mittelalterlichen Szenen ist sagen- und legendentypisch dick auftragen, geschwollen und voller Übertreibungen. Ich persönlich brauchte ein paar Seiten, um mich richtig in den Textfluss einzufinden. Besonders viel Aufmerksamkeit schenkt Ramsland dem Thema Aberglaube – und hat offenkundig große Freude dabei. Fast alle Bewohner des ländlichen Fünen sind unchristianisierte Heiden und legen in ihrem Weltverständnis eine Logik an den Tag, die an Naivität und Irrglauben kaum zu überbieten ist – ein Heidenspaß!

Durchbrochen werden die alten Geschichten durch eine Rahmenhandlung aus heutiger Zeit. Ein Großvater erzählt während ein paar Besuchen seines Enkels – des Ich-Erzählers übrigens – die Legende des Goldenen Eies, gerade noch rechtzeitig, denn viel Zeit bleibt ihm nicht mehr.

Im Großen und Ganzen ist Ramsland ein lesenswertes Märchenbuch gelungen, sprachlich überzeugend und voller witziger Anekdoten. Allerdings schleicht sich hier und da, gerade zum Ende hin, ein Übergewicht an Nebenschauplätzen ein, das den Roman unnötig aufbläht. Ach ja, und zum Attribut Märchenbuch sollte unbedingt noch eine Warnung ausgegeben werden: DIESES BUCH IST NICHTS FÜR KINDER! Manche Szenen sind erschütternd brutal – da musste selbst ich manchmal kurz durchatmen bevor ich weiterlas –, andere wiederum dermaßen obzön, dass die Säfte schon vom Buchrand tropfen.

Ansonten: Viel Spaß!


Ramsland-Morten-Die-Legende-vom-goldenen-Ei.jpgDIE LEGENDE VOM GOLDENEN EI ist beim Verlag Schöffling & Co. erschienen, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Die Übersetzung besorgte Ulrich Sonnenberg. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

 

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