Marion Skepenat | AMMENMÄRCHEN

D 2020 | 722 Seiten
Grünberg Verlag
ISBN: 978-3-933713-62-9

Ich wählte drei nebeneinanderliegende Grabstellen aus.

(Seite 5)

Folgende Situation: Ihr holt Euch ein Buch nach Hause, von dessen Inhalt Ihr so gut wie nichts wisst; der Name der Autorin und der Titel des Romans kamen Euch in den letzten Monaten schon ein paar Mal unter, aber Ihr habt den Kauf auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben, in die große Schublade mit dem kleinen Schild »irgendwann mal«, wo schon so viele andere Bücher liegen – diese Schublade hat meistens keine Rückwand und immer, wenn Ihr ein neues Buch hineinlegt, fällt hinten eines direkt den Müllschacht hinab –; aber jetzt, wo Ihr das Teil schon in der Hand habt, geht Ihr die Lektüre doch an und merkt gleich nach zwei, drei Kapiteln: »Meine Fresse! Warum habe ich nur so lange gewartet?!« Kennt jeder, oder?

So erging es mir mit AMMENMÄRCHEN von Marion Skepenat. Der Roman ist bereits letztes Jahr im Rostocker Verlag Grünberg als Band 10 der stetig wachsenden Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern erschienen – solche Veröffentlichungen bleiben einem literaturaffinen Rostocker wie mir natürlich nicht lange unbemerkt. Der Titel tauchte in den Folgemonaten immer mal wieder auf meinem Radar auf, doch weder Klappentext noch Cover konnten mich letztlich dazu bewegen, einem genaueren Blick zu riskieren. Erst als die Autorin über ihren Instagram-Kanal ein paar Exemplare verloste, sagte ich mir: »Na los, jetzt oder nie«, und Zack! hatte ich das AMMENMÄRCHEN zu Hause.

Nun liegt das mit über siebenhundert Seiten doch recht umfangreiche Buch vor, und die Lektüre hinter mir. Ich versuche, meine Gedanken zu ordnen, und frage mich, was ich eigentlich erwartet habe. Im Klappentext ist von einer »geordneten Existenz in der Mitte des Lebens« die Rede, von »Geistern der Vergangenheit« und dem »Glück des Gefundenwerdens«. Was ich erwartet habe? Einen netten Roman über das Älterwerden vielleicht. Oder eine anrührende Liebesgeschichte über Menschen, die ihren zweiten Frühling im Herbst des Lebens genießen, Arm in Arm auf einer Bank unter den raschelnden Blättern der Bäume am Ufer der Müritz… Keine Ahnung, was ich erwartet habe, jedenfalls nicht ein solch sprachmächtiges, komplexes und mitreißendes Achterbahn-Mindfuck-Abenteuer, das mich nach jedem dritten Kapitel erneut aus den Socken schmettert!


(Anmerkung aus dem Off: »Komma zum Punkt, Mann!«) Achso, tja, wo soll ich da anfangen? Man kreuze die Pierce-Brosnan-Version von James Bond mit der Wollustgöttin Hedone und einem beliebigen, möglichst misanthropischen Charakter aus dem Houellebecq-Universum – dann erhält man eine ungefähre Annährung an die Hauptfigur und Ich-Erzählerin Alice, die ihren Namen im Laufe der Geschichte mehrmals ändert. Sie lebt in einer Parallelversion von Berlin, das von islamistischen Milizen regiert wird, und kämpft als Untergrund-Agentin in einer dem Untergang geweihten Welt für das Gute. Dabei geht sie über Leichen, steht dem Leid anderer Menschen völlig emotionslos gegenüber und nimmt sich, um ihrer übermächtigen Libido Genüge zu tun, einen Kerl nach dem anderen, manchmal auch eine Frau, sie hat sich da nicht so. Alice ist kein normaler Mensch, sie ist eine Bernsteinfrau mit grün-goldener Iris und magischem Blick hinter die Zeit, mit direktem Kontakt zu ihren Ahninnen. Huren, Hexen und Heilige allesamt – Frauen, die die Männer beherrschen und seit Äonen die Geschicke der Welt lenken.

Eine der Grundregeln der Bernsteinfrauen lautet: »Hüte dich zu lieben!«, aber es gibt einen wunden Punkt, einen Kryptoniten quasi, dem auch Alice nicht gewachsen ist: Die bene elohim, die Söhne der Götter, sieben an der Zahl und über die ganze Welt verstreut, die einzigen Männer, die den Bernsteinfrauen ebenbürtig sind. Und ausgerechnet im malerischen Skagen, an der nördlichsten Spitze Dänemarks, gerät Alice an genau solch einen, verliebt sich unsterblich in ihn und bringt somit die Macht der Überfrauen aus dem Gleichgewicht.


Klingt überbordend? Ist es auch. Was Marion Skepenat hier alles zwischen den Buchdeckeln aufgestapelt hat, ist an Einfallsreichtum, Komplexität und Wahnwitz kaum zu toppen. Immer, wenn ich dachte, ich hätte einen roten Faden gefunden und wüsste ungefähr, worum es geht, schlug die Story einen bandscheibenunfreundlichen Haken und ich fing wieder von vorn an. Es ist ein Buch über so ziemlich alles, was uns in der Welt wichtig sein kann: die Liebe und den Tod in all ihren Facetten sowieso, aber auch die Macht und ihren Missbrauch, das scheinbar ungleiche Kräfteverhältnis zwischen den Geschlechtern, das erbarmungslose Aufopfern für eine Sache, die liebe Lust und ihre Tücken und zu guter Letzt auch die Kunst, in diesem ganzen Strudel nicht den Verstand zu verlieren. Skepenat schreibt sich in diesem Wust an Themen auf ebenso hochpoetische wie humorvolle Weise regelrecht um Kopf und Kragen. Das Buch ist gleichermaßen mutig und anmaßend, obszön und berührend, und alles ohne dass die Autorin jemals die Fäden aus den Händen verliert. Besonders im Rückblick, nach dem Ende der letzten Seite, wird klar: Selbst die absurdesten Szenen, selbst die hanebüchensten Entwicklungen haben ihre eigene Logik – man muss sich nur darauf einlassen.

AMMENMÄRCHEN ist ein typisches Beispiel für einen Roman, der völlig unschuldig daherkommt – kleiner Verlag, kein großes Werbe-Tamtam, unverfängliches Cover… fehlt nur noch der »Nicht der Rede wert«-Aufkleber –, einen dann aber mit solch unfassbarer Wucht aus dem Sessel schleudert, dass tagelang noch die Ohren klingeln. Was soll ich sagen? Ich bin begeistert! Und: Lest dieses Buch!


AMMENMÄRCHEN erschien beim Grünberg Verlag, wurde vom Literaturhaus Rostock herausgegeben und ist Teil der Bibliothek Mecklenburg Vorpommern. Ich danke der Autorin für das Rezenionsexemplar. Mit einem Klick auf Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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