Emanuel Maeß | GELENKE DES LICHTS

D 2019 | 254 Seiten
Wallstein Verlag
ISBN: 978-3-8353-3439-7

dbp_Nominiert_Onlinebutton_buchpreisbloggenSeit ein paar Jahren wird die Longlist des Deutschen Buchpreises von einer bunten Schar Bloggerinnen und Bloggern offiziell begleitet, mit wechselnden Regularien. 2019 läuft es erstmalig nach dem Prinzip Patenschaft ab: Jeder bekommt einen Buchpreis-Kandidaten zugelost, liest ihn aufmerksam und bespricht ihn subjektiv. Unter dem Hashtag #buchpreisbloggen sollen sich auf diese Weise Rezensionen jenseits des Feuilletons sammeln und im besten Fall zu Diskussionen anregen. In diesem Jahr habe ich die große Ehre, bei dieser Aktion ein bisschen mitmischen zu dürfen. Mein Patenbuch ist der Debütroman GELENKE DES LICHTS von Emanuel Maeß, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte.

Vor einigen Jahren, als ich einen Abend lang vergeblich auf Dich wartete, ergab sich die Gelegenheit, wieder einmal einem Mond zuzusehen. (Seite 7)

Der Ich-Erzähler, der bis zum Schluss namenlos bleibt, ist seit frühester Jugend in ein Mädchen verliebt. Während eines Familienurlaubs auf Usedom lernt der damals Elfjährige die noch jüngere Angelika kennen, die mit ihrem engelsgleichen Wesen sein Herz erobert. Zurück in seiner Heimat zwischen dem Thüringer Wald und der innerdeutschen Grenze vergehen die Jahre, ohne dass er das Mädchen vergessen kann. Die Wende macht aus der DDR-Peripherie das Zentrum Deutschlands. Ganz neue Bildungsmöglichkeiten locken den Erzähler hinaus in die weite Welt, er lebt kurz in Berlin, studiert Literatur in Heidelberg und Cambridge, lernt Menschen aus der ganzen Welt kennen, schließt innige Freundschaften – und doch gehört sein Herz nur der Einen und Einzigen.

Was wie eine kitschig-romantische Liebesschmonzette klingt, ist in Wahrheit ein getarnter Bildungsroman. Emanuel Maeß konzentriert sich eher auf das Heranwachsen und die Mannwerdung seines Protagonisten, als auf dessen jahrelanges Schmachten. Tatsächlich bleibt die Liebe einseitig und unerwidert; bis auf ein paar über die Jahre verteilte Briefe und Treffen ist bei Angelika nichts zu holen, was den armen Tropf immer mehr verzweifeln lässt.

Eigentlich eine schöne Geschichte: Eine tragische Liebe, ein Junge, der zum Manne reift, ein bisschen deutsch-deutsche Historie – der Roman kann in vielem punkten. Wäre da nicht Maeß‘ furchtbar aufgeblasener Schreibstil! Ich habe nichts gegen eine gepflegte Sprache, gegen Eloquenz und gehobenen Stil, aber was der Autor hier abliefert, ist so dermaßen drüber, so völlig too much, dass die Lektüre für mich mit jedem Kapitel nervtötender wurde und am Ende einem Ärgernis gleichkam. Maeß schreibt wie seine literarischen Vorbilder – ich vermute, es sind dieselben, wie die des Protagonisten –, nur dass die schon seit zweihundert Jahren tot sind.

Was in aller Welt hat den Autor geritten, eine Jugend in den Neunzigerjahren so geschwollen zu beschreiben? Das passt einfach nicht zu jener Zeit. Und ich weiß, wovon ich spreche: Auch ich bin Ende der Siebziger in einem Randgebiet der DDR aufgewachsen, in den wilden Neunzigern groß geworden, war verliebt und bin gereift – und alles ohne je wie Goethe gequatscht zu haben. Maeß‘ Stil ist anachronistisch und alles andere als authentisch. Zuerst dachte ich, es stecke eine tiefere Absicht dahinter, die sich im Laufe der Geschichte erst zeigen würde, aber da kam nichts. Der Text bleibt – ich muss es so hart sagen – gekünstelt und elitär. In den besten Momenten blitzt ein wenig Selbstironie und Wortwitz auf – dass zum Beispiel der Ich-Erzähler im Laufe der Jahre zum Angelikaner wird, ist ein Brüller –, ansonsten verliert sich die Prosa in redundanten Naturbeschreibungen und philosophischem Geschwätz, für die Story zum größten Teil irrelevant. Ich halte es da mit Kurt Vonnegut, der einmal sagte: »Jeder Satz muss eines von zwei Dingen tun: Charaktere vertiefen oder die Handlung vorantreiben.« Von solchen Sätzen gibt es bei Maeß viel zu wenige.

Ob GELENKE DES LICHTS das Zeug für die Shortlist oder gar den Deutschen Buchpreis hat? Ich denke nicht, dazu ist er viel zu speziell. Der Buchpreis – bei allem Respekt – ist eine Veranstaltung für das breite Publikum. Hier geht es in erster Linie um eine gesunde Mischung aus Anspruch und Leichtigkeit, und nicht zuletzt um Verkaufszahlen. Ich habe mich bei der Lektüre oft gefragt, wer die Zielgruppe für diesen Roman ist. Literaturprofessoren? Klassikliebhaber? Jan Drees? Der Durchschnittsleser wird hieran jedenfalls kaum Freude haben.

Ansonsten blieb von der Geschichte nichts weiter als ein […] Drahtgeflecht von Sätzen um eine leere Mitte. (Seite 246)


9783835334397GELENKE DES LICHTS erschien im Wallstein Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

11 Gedanken zu “Emanuel Maeß | GELENKE DES LICHTS

  1. Es ist ziemlich gut, dass es nicht nur Romane für „Durchschnittsleser“ gibt. Und, es gibt auch Menschen, die Bücher allein um der Sprache willen lesen. Handlung ist nicht alles.
    Andreas Maiers Romane, die du ja auch sehr magst, sind auch nicht unbedingt für den Durchschnittleser …

    Gefällt 1 Person

    • Marina, Du weißt, ich achte sehr auf Sprache und bin – genau wie Du – auch nicht gerade ein Durchschnittsleser, aber Stil und Inhalt müssen halt auch passen. Während Maier mich jedesmal aufs Neue beeindruckt und mit Leichtigkeit durch seine Romane führt, wirkt Maeß einfach verschwafelt und prätentiös. Nicht hinter jedem Schachtelsatz versteckt sich ein Silberschatz. Ich kann mir gut vorstellen, dass Maeß viele Befürworter findet, habe ja auch schon jede Menge positiver Besprechungen gelesen. Mich persönlich aber hat sein Text genervt.
      Willst Du ihn eigentlich noch lesen? Würd mich interessieren, wie er auf Dich wirkt.
      Beste Grüße aus Rostock!

      Gefällt 1 Person

      • Mich hat einfach dein letzter Satz getriggert. So was finde ich einfach too much. Ich glaube auch, es ist immer von Vorteil, wenn man seine Aussagen mit Textbeispielen belegt, als einfach so in den Raum zu stellen. Wie auch immer … jeder hat seinen Stil …

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  2. Jetzt hast du mich neugierig gemacht, denn eigentlich hat mir die Leseprobe gerade wegen der Sprache ganz gut gefallen. Ich werde es bis zur Shortlist nicht schaffen, aber lesen muss ich es jetzt doch. Vielleicht kannst du ja dann hinter „wer die Zielgruppe für diesen Roman ist. Literaturprofessoren? Klassikliebhaber? Jan Drees?“ noch „Petra Reich“ setzen (kicher!). Liebe Grüße und noch Glückwünsche für deine ganzen literarischen Aktivitäten in diesem Herbst!

    Gefällt 3 Personen

  3. Auf der Longlist sind dieses Jahr einige Romane, die mich interessieren und ansprechen, da ist es gar nicht so schlecht, wenn auch mal was kritisch besprochen wird. 😉 Ich werde Maeß zumindest vorerst nicht lesen, mal schauen, ob er es auf die Shortlist schafft… viele Grüße!

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  4. Jan Drees, sehr gut! Ich glaube, ich hätte den Roman ziemlich ähnlich besprochen, Hochgestochenes ohne Sinn und Zweck kann ich auch nicht ausstehen… Cherubino war aber auch nicht der Knaller, so viel schon mal vorweg!

    Gefällt 1 Person

  5. Ist ein tolles Buch, wäre bis jetzt mein Buchpreisfavorit, denn ich glaube gerade die „aufgeschwirbelte Sprache“ ist der Clou des Buches, das Aufwachsen in der DDR und Nachwende-DDR im Stil des Bildungsromans des neunzehnten Jahrhunderts zu erzählen!
    Da kann man sich einmal von der schönen Sprache verzaubern lassen und vielleicht nicht viel verstehen und dann darüber nachdenken, was das bedeutet, daß das Aufwachsen in den Neunzigerjahren im EX-DDR Gebiet ein ganz anderes war und wahrscheinlich auch darüber, daß heute vielleicht nicht mehr viele Leser die Geduld und die Aufmerksamkeitsspanne aufbringen, ein solches Buch zu Ende zu lesen!
    Und ich mag eigentlich keine Sprachrauschbücherl, sondern bin eigentlich mehr für realistisch- pschologische Romane!

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