Roman Ehrlich | MALÉ

D 2020 | 288 Seiten
S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397221-4

Dem Gefesselten erscheint es seltsam, dass man ihn in einen Kellerraum gebracht hat.

(Seite 9)

Die Malediven – türkises Wasser, endlose weiße Strände, in der Hängematte unter Palmen Piña Colada durch Bambus-Strohhalme schlürfen und dabei den salzigen Odem des Indischen Ozeans einatmen – der feuchte Traum aller Pauschal-Urlauber. Dass dieses Paradies aber schon seit langer Zeit dem Untergang geweiht ist, bleibt in den Reiseprospekten oft unerwähnt.

Bergeweise Plastikmüll werden hier tagtäglich angespült, Schrott und Abfall aus aller Welt, in denen die Tiere elendig verenden. Die Hauptinsel Malé ist hoffnungslos übervölkert; auf einer Fläche vergleichbar mit der des Tempelhofer Feldes tummeln sich hier knapp 100.000 Menschen. Der Großteil der Landfläche des Inselstaates ragt nur knapp einen Meter aus dem Ozean heraus und beim derzeit rasanten Anstieg des Meeresspiegels ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Atolle buchstäblich im Meer versinken. Die Regierung des Landes legt seit Jahren Geld beiseite, um neues Staatsgebiet auf dem Festland zu erwerben und ihr Volk im Notfall umzusiedeln. Es ist nicht von der Hand zu weisen: Die Malediven liegen im Sterben und werden das nächste verlorene Paradies sein.


Roman Ehrlich wagt in seinem neuen Roman einen Sprung in die Zukunft. Der Inselstaat ist längst verlassen, die Atolle sind nurmehr als Sandbänke zu erkennen und in Malé selbst stehen sämtliche Gebäude unter Wasser. Alles zerfällt und gammelt vor sich hin. Urlauber gibt es hier schon lange nicht mehr, stattdessen ist die Insel zu einem Ort für Aussteiger aller Art geworden. Hier trifft sich nur noch, wer von der Welt die Schnauze voll hat. Man kommt hierher, um zu vergessen und vergessen zu werden. Und um Dinge zu beenden … das Leben zum Beispiel.

Einer der mysteriöseren Todesfälle auf Malé war zuletzt der der jungen Schauspielerin Mona Bauch, deren Leichnam halb zerfressen im Wasser gefunden wurde. Ihr Vater und eine Literaturprofessorin aus Amerika fahren auf die Insel, um mehr über den Tod Bauchs zu herauszufinden. Dabei lernen sie die skurrile Gemeinschaft der Aussteiger kennen, die sich auf Malé eingenistet hat, aber auch bewaffnete Milizionäre, die auf einem gekenterten Kreuzfahrtschiff Quartier bezogen haben und die Bevölkerung mit der Droge Luna versorgen.


Eigentlich ist es das perfekte Setting für einen postapokalyptischen Thriller, einen Pageturner voller Spannung in dem das Blut im Kampf um die Ressourcen literweise aus den Seiten fließt. Was aber gleich auf den ersten Seiten klar wird: Mit so etwas hat Roman Ehrlich nichts am Hut. Mit stocksteifen und furztrockenen Sätzen, die sich in endlosen Verschachtelungen fast wie eine Beamtensprache lesen, zerrt er uns durch eine Geschichte voller Metaphern, Symbolen und Anspielungen, dass einem nach wenigen Kapiteln schon der Geduldsfaden reißen kann. Wer hier einen halbwegs verfolgbaren Plot erwartet, wird enttäuscht werden.

Offen gesagt, habe auch ich mich bis weit über die Hälfte des Buches gequält, bis ich mich der Deutungsvielfalt des Buches hingegeben und einen Zugang zum Text gefunden habe. Schließlich muss es ja einen Grund geben, warum Ehrlich einen so spröden Schreibstil benutzt, der sich dermaßen von seinem Vorgänger DIE FÜRCHTERLICHEN TAGE DES SCHRECKLICHEN GRAUENS unterscheidet. Zum Ende des Buches erzählt eine der Figuren die Fabel von der Wanze und dem Floh. (Die Wanze lebt seit langer Zeit im Bett des Sultans, unentdeckt weil sie genügsam ist und sich nur nimmt, was sie zum Leben braucht. Diesen Trick verrät sie dem Floh, der nachts aber gierig und unermüdlich den Sultan beißt. Der durchsucht das Bett, findet die Wanze und zerdrückt sie.) Spätestens hier wird deutlich: MALÉ erzählt nicht nur von einer verlorenen Stadt, sondern auch vom Prinzip des Massentourismus, vom fragilen Verhältnis Mensch und Natur. Und darüber hinaus auch vom Sterben der Kultur durch Übermaß und Beliebigkeit, vielleicht ist die Sprache deshalb so künstlich und steril.

Um Zugang zu MALÉ zu finden, gibt es viele Wege, der Schreibstil macht sie aber äußerst steinig. Wer die Wege betreten möchte – die Reise ist es wert –, sollte sich festes Schuhwerk anziehen.


MALÉ erschien beim Fischer Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt Ihr zur Verlagseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

4 Gedanken zu “Roman Ehrlich | MALÉ

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