FBM19-Tagebuch | Abreise

Ich erwache von der Morgendämmerung, die sanft durchs Fenster scheint. Die Vögel zwitschern ihre fröhlichen Lieder und ich dreh mich nochmal auf die andere Seite. Mit ein Schlag bin ich hellwach! Ich habe den Wecker auf 6°° Uhr gestellt; es müsste stockfinster sein! Ich habe verschlafen! Fluchend springe ich aus dem Bett, ziehe mich an und verrichte meine Morgenhygiene in Rekordzeit. Ich schnapp mir meine sieben Sachen und sprinte zum Bahnhof Großkrotzenburg, wo ich zum ersten Mal durchatmen kann. Es ist schon halb neun – ich könnte kotzen! Mein ICE ist gerade aus Frankfurt los und ich stehe hier in der Wallachei. Mein gebuchtes Ticket kann ich wegschmeißen; das war so ein Sparangebot mit Zugbindung. Ich weiß jetzt übrigens auch, warum ich den Wecker nicht gehört habe: Heute ist Samstag, das hätte ich gestern zusätzlich zu den Werktagen einstellen müssen. Nun ja, es ist wie es ist. Ich ziehe mir ein Ticket nach Frankfurt, in der Hoffnung, dass ich von dort halbwegs schnell nach Rostock komme.

In Frankfurt lasse ich mir alle möglichen Verbindungen per Nahverkehr ausdrucken, aber unter elf Stunden und fünfmaligem Umsteigen in irgendwelchen Käffern ist nichts zu machen. Ich beiße in den sauren Apfel und kaufe ein Ticket für eine ICE-Verbindung nach Hamburg mit Umstieg in Kassel. 120 Euro – das war’s für diesen Monat. Der ICE ist proppenvoll. Grund hierfür ist der Ausfall eines früheren Zuges in die gleiche Richtung. Es sind also doppelt so viele Fahrgäste an Bord, die alle Gänge und Zwischenräume belegen, die es gibt. Die Alten meckern, die Kinder weinen. Eine Mutter wechselt auf dem Boden im Gang ihrem Baby die Windeln – es ist ein elendiges Trauerspiel! Der ICE fährt einen Umweg über Frankfurt Süd, damit die zusätzlichen Fahrgäste eine andere Verbindung bekommen, dadurch verpassen die eigentlichen Reisenden – so auch ich – aber ihren Anschluss in Kassel. Also ist auch dort der Folgezug doppelt so voll besetzt, wie geplant. Ich stehe mit meinem Gepäck im Gang und schaue verträumt in die Kasseler Berge. Ich bin extrem müde und mir fallen ständig die Augen zu.

… draußen taucht am Rand des Fensters eine Faust auf und kommt langsam weiter ins Bild. Sie ist vom Fahrtwind gerötet und schiebt eine kleine Eiswolke vor sich her. Der starke Mann, dem sie gehört, ist etwas schneller als der ICE und holt auf, bis er auf meiner Höhe ist. Es ist Burkhard Spinnen; sein grauer Haarkranz zittert im Wind, sein flatterndes Cape ist aus hellbraunem Cord. Er dreht sich zu mir, pocht mit der freien Hand zweimal auf seine Brust und zeigt auf mich. Ich nicke ihm zu, er nickt weise lächelnd zurück. Dann dreht er sein tapferes Gesicht wieder in den Wind und fliegt in einer sanften Kurve davon, in die bewaldeten Hügel Nordhessens, einen Silberstreif hinter sich herziehend. Mach’s gut, Super-Burkhard …

Als ich wieder zu mir komme, fährt der Zug gerade in Hannover ein, wo es die nächste Ansage gibt: Ein schwerer Unfall zwischen hier und Hamburg hat zu einer Vollsperrung geführt. Wir werden nonstop über Bremen umgeleitet, die Zwischenhalte entfallen somit. Alle Fahrgäste, die in Celle, Uelzen und Lüneburg austeigen wollten, müssen den Zug verlassen. Was für ein Wahnsinn! Dafür werden aber jede Menge Plätze frei und ich kann mich zum ersten Mal heute richtig setzen und mein Buch weiterlesen. Den Roman von Simon Stranger werde ich wohl kaum noch schaffen; bin erst bei N wie Nadelstiche und hab noch gut hundert Seiten vor mir. Aber wer weiß, was die Deutsche Bahn heute noch so für mich bereithält, bin ja noch längst nicht da.

(Übrigens: Als ich am Donnerstag zu einem Gespräch beim Eichborn-Verlag saß, bei dem Strangers Roman kürzlich erschienen ist, tauchte der Autor am Stand zu einem Termin auf. Ich hatte das Buch zufällig dabei und nutzte die Chance, ihn um eine Widmung zu bitten. Stranger signierte mein Exemplar mit: S wie Stefan – D wie Danke.)

Kurz nach vier komme ich in Hamburg an. Die erste positive Meldung des Tages: Mein Zug nach Rostock steht bereit und fährt in zehn Minuten pünktlich ab. Ich hatte schon Schiss, dass ich mir hier noch zwei Stunden lang die Zeit um die Ohren schlagen muss. Da meine bisherige Verspätung mehr als sechzig Minuten beträgt, könnte ich mir 25 Prozent des Ticketpreises erstatten lassen; ein entsprechendes Formular wurde allen Reisenden von der Schaffnerin in die Hände gedrückt. Doch dafür hätte ich mir in Hamburg die Verspätung an einem der DB-Schalter bestätigen lassen müssen und meinen Zug nach Rostock verpasst – ein Teufelskreis! Ich lasse das Formular im ICE liegen und wechsele in die Regionalbahn gen Heimat. In Rostock ist es schon lange dunkel. Zuhause fallen mir meine Frau und meine Kinder um den Hals. Vor meinen Augen verwischt alles; ich muss mich setzen…


Ich bin nun wieder daheim, habe gegessen und meinen Flüssigkeitsbedarf gedeckt. Rückblickend waren es unglaublich anstrengende, dafür aber auch sehr lohnende Tage in Frankfurt. Sehr genossen habe ich die Gespräche mit den Presseleuten der Verlage und den anderen Bloggerinnen und Bloggern. Auch wenn deutlich zu erkennen ist, dass in der großen Bloggerbubble längst nicht alle gut Freund sind – natürlich gibt es auch hier Grüppchenbildungen, Sympathien und Abneigungen wie in jedem anderen System –, ist doch ein gewisser Zusammenhalt zu spüren, der Mut macht. Am Ende dieses Beitrags findet Ihr eine Liste der Blogs, in denen zu stöbern es sich lohnt. Gleichzeitig soll diese Aufzählung meinen Gruß darstellen, an all die kreativen Menschen hinter den Blogs – Leute: Es war mir ein Fest! Wir sehen uns in Leipzig!

Die Messe selbst und das Hin- und Hergegurke zwischen meinem Wohnort und Frankfurt waren für mich stressiger als gedacht. Falls ich diese Reise nochmal auf mich nehmen sollte, werde ich auf jeden Fall darauf achten, dichter am Geschehen unterzukommen. Vielleicht bekommt man dann auch mal was vom Frankfurter Nachtleben mit. Jeden Abend gab es Verlagspartys bis in die Morgenstunden, an denen ich natürlich nicht teilnehmen konnte; nicht bei dem Heimweg.

Wie dem auch sei: Die positiven Aspekte dieser Reise überwiegen die negativen um ein Vielfaches. Ich habe viel erlebt, erfahren, entdeckt und gelernt – und das nicht nur über die Deutsche Bahn. Bleibt mir gewogen, lest gute Bücher und danke für alles!

Die besten Grüße von der Ostsee!
Stefan

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7 Gedanken zu “FBM19-Tagebuch | Abreise

  1. Was für eine Odyssee! 😦 das klingt ja furchtbar. Gut, dass du jetzt angekommen bist. Ich glaube, du kannst die Entschädigung wegen der Verspätung trotzdem beantragen, zumindest meine ich mich zu erinnern, dass ich das schon ohne die besagte Bestätigung gemacht habe… es müsste im Netz Vordrucke geben.

    Lieben Dank für die Erwähnung in der Blogroll! Erhol Dich gut!

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  2. Irgendwie scheint gestern in der ganzen Republik bei der Bahn das absolute Chaos geherrscht haben. Ein Freund von mir musste übrigens ebenfalls nach Rostock auf eine Hochzeit und hat eine ähnliche Odyssee hinter sich.

    Ich war kurz bei der Verleihung anwesend, musste dann aber weiter, da ein Kumpel (er ist übrigens Buchhändler und ich war mal so frei und habe ihm den Link zu Deinem Blog geschickt) von mir nur bis kurz nach 14 Uhr Zeit hatte. Schade, hätte gerne nochmal den ein oder anderen aus der Bloggosphäre kennengelernt. Vielleicht nächstes Jahr!

    Wünsch Dir noch ein schönes Rest-Wochenende!
    Der andere Stefan 😉

    Gefällt 2 Personen

  3. Ach Stefan, das klingt fürchterlich. Ich bin gestern mit dem Auto ganz bequem nach Hause gefahren. Abends vor dem Tatort bin ich dann aber ähnlich wie du kollabiert. Was für wunderbare, anstrengende, bereichernde, übervolle fünf Tage. Ich hatte weder Zeit für Blog-Content noch fürs Lesen anderer Blogs. Jetzt rolle ich die Sache mal von hinten auf und beginne mit deiner Abreise. Vielen Dank fürs Erwähnen in deiner Blogroll und ich freue mich auf Leipzig. (In meinem irgendwann wenn die Komprimierung meiner Unzahl an Bildern endlich mal beendet ist erscheinenden Beitrag über den zweiten Buchmessentag erscheint übrigens ein ganz ganz schönes Bild von dir und Ines (ist das verlockend genug, um dich auf meine Seite zu locken?) Viele Grüße, Petra

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