Josefine Rieks | SERVERLAND

D 2018 | 170 Seiten
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-25898-3

In dem Moment, als eine der sowjetischen Dreadnoughts ihren Sockel traf, blitzte Panik in den patinagrünen Augen der Freiheitstatue von Amerika auf. (Seite 7)

In einer gar nicht so weit entfernten Zukunft lebt die Jugend brav und unverdorben in einer Welt ohne Internet, denn dieses wurde schon vor Jahrzehnten abgeschaltet. Reiner, ein junger PC-Experte, der in seiner Freizeit uralte Laptops aufmotzt und verloren geglaubte Spiele zockt, bekommt durch seinen Schulfreund Meyer die Gelegenheit, bei einer nahezu archäologischen Expedition mitzuwirken: Sie brechen im äußersten Norden der Niederlande in das alte Google-Datenzentrum ein, verbinden sich mit den stillgelegten Servern und betreten so die Ruinenlandschaft von YouTube. Sie tauchen ein in längst vergessene Videos und träumen von einer Zeit, in der alles miteinander geteilt werden konnte, in der die Verbindung zu jedem anderen Menschen auf der ganzen Welt nur ein paar Mausklicks entfernt war.

Keine Frage – diese Wiederentdeckung muss verbreitet, muss geteilt werden. Reiner und ein paar Helfer der schnell wachsenden Befreiungsaktion machen Kopien der Videos und verschicken sie auf DVD wahllos per Post. Der Fund spricht sich schnell herum und schon bald tummeln sich hunderte Jugendliche aus ganz Europa auf dem Google-Areal. Reiner merkt schnell, dass die ursprüngliche Idee, eine längst vergessene Freiheit zurückzugewinnen, durch die Massen kaum noch zu verfolgen ist. Je mehr Leute dazukommen, desto mehr weicht der Traum dem Chaos. Idealismus ist eben nicht massentauglich und leider extrem kurzlebig – Das Projekt droht zu kippen…


Josefine Rieks (*1988) präsentiert uns in ihrem Debütroman eine Utopie der ganz anderen Art. Während die gängigen Zukunftsromane meist die totale Überwachung durch gigantische Konzerne mit Monopolstellung prophezeihen oder gleich das Austerben unserer Art durch einen verlorenen Krieg gegen die Maschinen, geht Rieks in die entgegengesetzte Richtung und ersinnt eine Welt ohne Technik, in der sich die Menschen dem Fortschritt und der Digitalisierung verweigert haben – ein höchst interessantes Setting.

Die Figuren, die Rieks durch ihre reanalogisierte Welt trotten lässt, sind von Langeweile zermürbt, brav gekleidet und sprühen nicht gerade vor Kreativität und Energie; erst die Entdeckung der YouTube-Müllhalde erweckt ihre Lebensgeister. Das passt natürlich ganz gut zur spaßbefreiten Zukunftsvision, liest sich dafür aber auch recht spröde. Überhaupt werden ab der Hälfte des Roman große Lücken in der Handlung bemerkbar, die so wirken, als wüsste Rieks nicht mehr wohin mit ihrer Story, als wäre ihr – um beim Thema zu bleiben – der Saft abgedreht worden. Ideen werden aufgenommen, aber nicht weiterverfolgt, Dialoge verlaufen sich im friesischen Dünensand und dazu gesellt sich eine gewisse stilistische Unschärfe: Worte wie irgendwoher und irgendwie kommen öfter vor, als es dem Text guttut.

Kurzum: Das Buch hält nicht, was der Klappentext verspricht. Schade eigentlich, denn zweifellos hat Rieks Talent und ein Händchen für gute Settings – SERVERLAND aber bleibt eher ein schriftstellerischer Gehversuch. Ein Buch, das hier und da zum Nachdenken anregen mag – zum Beispiel wie zukünftige Generationen unseren Datenmüll werten könnten –, als relevanter Beitrag zu gegenwärtigen Diskussionen reicht es aber nicht.


100SERVERLAND ist im Carl Hanser Verlag erschienen. Alle weiteren Informationen findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

4 Gedanken zu “Josefine Rieks | SERVERLAND

  1. an sich klingt das Szenario ja ganz pfiffig. Aber solche offenkundig an Aktuelles andockende Zukunftsromane sind schwer zu realisieren. Zumal für Jugendliche und junge Erwachsene… wird denn wenigstens plausibel erklärt, wie es zu dieser internetlosen Zukunft kommt?

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s