Eimar O’Duffy | KING GOSHAWK UND DIE VÖGEL

IRL 1926 | 276 Seiten
OT: »King Goshawk and the Birds«
Übersetzt von Gabriele Haefs
Alfred Kröner Verlag
ISBN: 978-3-520-60701-0

›Welch trauriger Gedanke, dass überall auf der Welt so viele Vögel singen,
die ich niemals hören werde.‹

(Seite 11)

Der reiche und eitle Weizenkönig Goshawk verspricht seiner Angetrauten Guzzelinda alle Singvögel der Welt und eröffnet – dank seiner Macht und seines Geldes – die Jagd auf die armen Piepmätze. So beginnt Eimar O’Duffys Gesellschaftssatire KING GOSHAWK UND DIE VÖGEL, ein moderner Klassiker der irischen Literatur. Doch anders als der Titel vermuten lässt, bleibt der Fokus der Geschichte nicht lange auf jenem Machthaber, der heute – knapp hundert Jahre nach Veröffentlichung – frappierende Ähnlichkeiten mit Donald Trump aufweist. Die eigentlichen Helden sind diejenigen, die sich dem König entgegenstellen.

Weiterlesen »

Mein Lesejahr 2020

Letzte Herausforderung:
Schreibe einen Jahresrückblick ohne das C-Wort…

Leute, Leute, was für ein Jahr! Lesungen wurden abgesagt, Konzerte verschoben, Messen sind ausgefallen. Social Distancing, Maskenpflicht, Lockdown – alles Begriffe, die innerhalb kürzester Zeit den Alltag bestimmten. 2020 war ein Jahr zum Abhaken, zum Ausradieren, zum Zerknüllen und Wegschmeißen, allerdings auch eines, an das man sich noch in Jahrzehnten erinnern wird.

Weiterlesen »

Joachim Meyerhoff | ALLE TOTEN FLIEGEN HOCH Teil 5: HAMSTER IM HINTEREN STROMGEBIET

D 2020 | 320 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00024-5

Vier Monate und ein paar zerquetschte Tage nach meinem einundfünfzigsten Geburtstag musste ich ins Krankenhaus.

(Seite 7)

Als ich letztes Jahr um dieselbe Zeit DIE ZWEISAMKEIT DER EINZELGÄNGER beendete – den vierten Band von Joachim Meyerhoffs Romanreihe ALLE TOTEN FLIEGEN HOCH –, überkam mich eine gewisse Traurigkeit, denn es hieß, damit sei das autobiografische Großprojekt vorerst auserzählt. Insgeheim wünschte ich mir, Meyerhoff würde sich doch noch dazu entschließen, weitere Stationen seines aufregenden Lebens in die für ihn so typisch unterhaltsame Prosa gießen. Der Wunsch wurde mir erfüllt, allerdings durch einen schockierenden Umstand, von dem ich damals nichts wusste: Meyerhoff hatte einen Schlaganfall. Die plötzliche Lähmung, der anschließende Aufenthalt in einem Wiener Krankenhaus und der beschwerliche Weg in die Genesung sind die Themen des nun fünften Bandes der Reihe.

Weiterlesen »

Bov Bjerg | SERPENTINEN

D 2020 | 272 Seiten
Claassen Verlag
ISBN: 978-3-546-10003-8

Um was geht es?

(Seite 5)

Gute Frage. Ein Mann ist mit seinem Sohn unterwegs durch die Schwäbische Alb auf den Spuren seiner Jugend und seiner Familie. Eigentlich ein friedliches Bild, romantisch, fast ein bisschen kitschig. Doch es gibt da etwas, das den Frieden gewaltig stört: Der Mann wird verfolgt. Nicht im herkömmlichen Sinne, wie ein Bankräuber von der Polizei oder ein potentielles Opfer von einem Triebtäter verfolgt wird, nein, der Mann wird von einer morbiden Art Familientradition verfolgt, denn seit Generationen wählen die Männer seiner Linie irgendwann den Freitod als Schlusspunkt ihres Lebens.

Urgroßvater, Großvater, Vater.
Ertränkt, erschossen, erhängt.
Zu Wasser, zu Lande und in der Luft.

(Seite 5)
Weiterlesen »

Helena Adler | DIE INFANTIN TRÄGT DEN SCHEITEL LINKS

A 2020 | 188 Seiten
Jung und Jung
ISBN: 978-3-99027-242-8

Nehmen Sie ein Gemälde von Pieter Bruegel. Nun animieren Sie es.

(Seite 7)

Zack! und gleich das nächste Familiendrama aus den österreichischen Bergen. Aber nicht in so düsteren Farben wie in Stephan Roiss‘ soeben ausgelesenen und für gut befundenen Roman TRICERATOPS, sondern grellbunt und laut und schrill. Das fängt schon beim Coverbild an (siehe unten): Ein niedliches Mädchen mit Zöpfchen, Kleidchen, Hündchen – vermutlich die Autorin herself – sitzt eingeschüchtert bei einem jener verhassten Kindergarten-Fotoshootings – man kennt das: »Nun lächel doch mal! Du sollst lächeln, Herrschaftszeiten!« Und diesem gezwungen putzigen Kinderporträt hat jemand – vermutlich ebenfalls die Autorin herself – mit fettem Filzstift Hörner angemalt und eine Augenklappe aufgesetzt; es fehlt nur noch das obligatorische Quadratbärtchen. Nicht einmal das Plüschtier ist verschont geblieben. In leuchtendem Pink prangt der Titel quer über das Bild: DIE INFANTIN.

Weiterlesen »

Stephan Roiss | TRICERATOPS

A 2020 | 208 Seiten
Kremayr & Scheriau
ISBN: 978-3-218-01229-4

Die Tür unseres Kinderzimmers stand weit offen.

(Seite 9)

Wenn jedes Mitglied deiner Familie psychisch angeschlagen ist, deine Mutter die Hälfte ihres Lebens tablettenschluckend in der Nervenklinik verbringt, dein Vater sich unerreichbar in Religion und Alkohol flüchtet, deine Schwester über die Jahre autistische Züge entwickelt und die Worte »Alles ist gut« wie ein Mantra vor sich hinmurmelt, und du wegen einer Hautkrankheit von Kindheitstagen an gemobbt und gemieden wirst – was macht das dann mit dir? Wenn du als Jugendlicher noch in die Hosen pinkelst, vor fremden Leuten kein Ton herausbringst und am liebsten nicht du selbst sein willst – woher nimmst du dann die Kraft weiterzumachen, woher die Hoffnung auf ein würdevolles Leben, auf Freundschaft und Zuneigung?

Weiterlesen »

Máirtín Ó Cadhain | DIE ASCHE DES TAGES

IRL 1970 | 156 Seiten
OT: »Fuíoll Fuine«
Übersetzt von Gabriele Haefs
Alfred Kröner Verlag
ISBN: 978-3-520-60301-2

Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine fiese Stimme.

(Seite 7)

Pro·kras·ti·na·ti·on – [ˌpʁokʁastinaˈt͡si̯oːn]:
das Verhalten, unangenehme, jedoch notwendige
Arbeiten und Entscheidungen aufzuschieben

Das kennen wir doch alle irgendwie; da braucht sich hier keiner rausreden. Ist ja auch gar nicht so wild, wenn man ungeliebte Aufgaben vertagt. Schon Mark Twain sagte einst: »Verschiebe nicht auf morgen, was genauso gut auf übermorgen verschoben werden kann.« Schwierig wird es nur, wenn aus harmloser Trödelei ein pathologisches Aufschieben wird, das zu Ängsten und Schuldgefühlen führen kann.

Weiterlesen »

Maria Popova | FINDUNGEN

USA 2019 | 896 Seiten
OT: »Figuring«
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer,

Heike Reissig und Tobias Rothenbücher
Diogenes Verlag
ISBN: 978-3-257-07127-6

Alles, einfach alles […] wurde vor 13,8 Milliarden Jahren aus einer Singularität zum Leben erweckt, einer einzigen Quelle, nicht lauter als die Eröffnung von Beethovens Fünfter Sinfonie und nicht größer als der Punkt über dem kleinen i des Ichs, das von seinem Sockel gestoßen wurde.

(Seite 13f.)

Was haben die Astronomin Maria Mitchell, die Schriftstellerin Margaret Fuller, die Bildhauerin Harriet Hosmer, die Dichterin Emily Dickinson und die Biologin Rachel Carson gemeinsam … außer dass sie US-Amerikanerinnen waren und zu den bedeutendsten Frauen in Wissenschaft, Kunst und Literatur der letzten zweihundert Jahre zählen? Sie alle sind die Hauptfiguren der Mehrfach-Biografie FINDUNGEN der bulgarisch-amerikanischen Kritikerin Maria Popova (*1984).

Weiterlesen »

Sandra Newman | HIMMEL

USA 2019 | 296 Seiten
OT: »The Heavens«
Aus dem Englischen von Milena Adam
Matthes & Seitz Berlin
ISBN: 978-3-7518-0008-2

Ben lernte Kate auf einer Party kennen.

(Seite 7)

Nur denen, die die englische Literatur des Elisabethanischen Zeitalters aufmerksam studiert haben, sagt der Name William Shakespeare (1564-1593) vielleicht etwas, dessen schmales Gesamtwerk heutzutage in kaum einer Hinsicht noch relevant ist. Außer einem erfolglosen Bühnenstück und einer Handvoll Sonette hatte der Mann nur wenig zu Papier gebracht, als er mit knapp dreißig Jahren in London an der Pest starb und somit in der Bedeutungslosigkeit verschwand … Alternative facts? Fake News? Oder einfach nur eine der unendlich vielen möglichen Parallelwelten?

Weiterlesen »

Martina Altschäfer | ANDRIN

D 2020 | 264 Seiten
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-947857-05-0

»Das Apartment, das Ferienhaus – direkt am Meer; das Dorf – im Juni noch absolut verschlafen, später, im Juli und August, etwas stärker frequentiert«, das gab er zu.

(Seite 5)

Susanne ist Ghostwriterin und bekommt von ihrem Verlag die ehrenvolle Aufgabe, die Memoiren eines ruhmreichen Industriellen niederzuschreiben. Um völlig befreit und sorglos diese anspruchsvolle Arbeit zu meistern, wird ihr eigens ein Ferienhaus an der italienischen Küste zur Verfügung gestellt, wo sie jedoch nie ankommt.

Weiterlesen »