Mein Lesejahr 2021

So, Ihr Lieben, das zweite Corona-Jahr nähert sich seinem feuerwerklosen Ende und ich kann Euch sagen: Es war nicht alles schlecht. Auch wenn das erste Halbjahr durch empfindliche Schließungen in Kunst und Kultur und mit Kontaktbeschränkungen und Home-Office nicht gerade angenehm war, bin ich doch froh, dass es mich und meine Familie nicht ganz so hart getroffen hat. Wir sind gesund und ohne große Einbußen durch die Zeit gekommen. Ab Mai/Juni öffnete sich die Welt ja auch wieder und ich habe mich riesig gefreut, wieder ein paar Veranstaltungen mitnehmen zu können und dass sogar die Frankfurter Buchmesse möglich gemacht wurde.

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Paavo Matsin | GOGOLS DISKO

EST 2015 | 176 Seiten
OT: »Gogoli Disko«
Aus dem Estnischen von Maximilian Murmann
Homunculus Verlag
ISBN: 978-3-946120-31-5

Der Taschendieb Konstantin Opiatowitsch pflegte jeden Tag bestimmte Gewohnheiten, die er sich mit den Jahren in diversen Haftanstalten angeeignet hatte.

(Seite 9)

In einer gar nicht so weit entfernten Zukunft sind die baltischen Staaten vom neuen Zarenreich Russland annektiert und deren Einwohner deportiert worden. In der kleinen estnischen Stadt Viljandi, weit genug entfernt vom großen, bösen Moskau, treffen sich seither allerlei Gestalten, die dem Zaren die kalte Schulter zeigen wollen und den westlichen Ideologien frönen. Sie lesen heimlich baltische Literatur, üben sich im freien Denken und hören die Beatles. Doch ihr scheinbar unbeschwertes Leben bekommt eine gänzlich neue Richtung, als der russische Schriftsteller Nikolai Gogol von den Toten aufersteht und in einer Duftwolke aus Verwesung in die Versammlung platzt.

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Waubgeshig Rice | MOND DES VERHARSCHTEN SCHNEES

CDN 2018 | 224 Seiten
OT: »Moon of the Crusted Snow«
Aus dem kanadischen Englisch von Thomas Brückner
Verlag Klaus Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2842-3

Ein Knall rollte durch diese Landschaft hoch im Norden, ein flüchtiger Augenblick der Unrast in der stillen Nachmittagsluft.

(Seite 9)

Evan lebt mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern in einem Reservat im Norden Kanadas. Die Familie gehört dem indigenen Volk der Anishinaabe an, das von der kanadischen Regierung vor Jahrzehnten schon aus ihren herkömmlichen Stammesgebieten bei den Großen Seen in die polaren Regionen vertrieben wurde. Die Winter dauern hier doppelt so lang, die Temperaturen sinken in bedrohliche Tiefen und die Sonne verschwindet für Wochen hinter dem Horizont.

Die Gemeinschaft hat sich an das Leben im Reservat gewöhnt und lebt im Einklang mit der Natur und dem Rückhalt von Glaube und Tradition ein relativ unbeschwertes Leben. Doch in diesem Winter gerät das Reservat an seine Grenzen. Selbst für die polaren Breiten ist es sehr früh im Jahr schon ungewöhnlich kalt, sowohl der Strom und als auch das Netz fallen plötzlich aus und aus den südlich gelegenen Verwaltungsstädten kommt keinerlei Erklärung, was passiert ist und wie es weitergehen soll — das Reservat ist von jetzt auf gleich vom Rest der Welt abgeschnitten. Die Lebensmittel werden knapp, das Feuerholz schwindet und der schwerste Winter seit Jahren kriecht in alle Häuser. Spätestens nach dem Fund der ersten tiefgefrorenen Leiche ist allen klar, wie ernst die Lage ist. Und zu allem Übel taucht auch noch ein Fremder im Reservat auf, der mit demagogischen Tricks die Gemeinschaft spaltet.

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Kim Thúy | GROSSER BRUDER, KLEINE SCHWESTER

CDN 2020 | 155 Seiten
OT: »Em«
Aus dem kanadischen Französisch von Brigitte Große
Antje Kunstmann Verlag
ISBN: 978-3-95614456-1

Immer wieder Krieg.

(Seite 7)

Im April 1975 führten die amerikanischen Streitkräfte in Vietnam auf Weisung des damaligen US-Präsidenten Gerald Ford die Operation Babylift durch. Dutzende Militär-Flugzeuge starteten von Saigon aus – das durch die nordvietnamesische Armee schon unter Beschuss lag – in Richtung Kalifornien. An Bord waren insgesamt mehr als zweitausend vietnamesische Säuglinge und Kleinkinder, für die bei amerikanischen Adoptivfamilien ein besseres Leben geplant war. Doch gleich die erste Maschine stürzte wegen eines technischen Mängels kurz nach dem Start ab – 155 Menschen, überwiegend Kinder, verloren ihr Leben.

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Alain Damasio | DIE FLÜCHTIGEN

F 2019 | 844 Seiten
OT: »Les furtifs«
Aus dem Französischen von Milena Adam
Matthes & Seitz Berlin
ISBN: 978-3-7518-0039-6

»Da drinnen ist er …«
»Woher weißt du, dass er da drinnen ist?«

(Seite 7)

Frankreich im Jahre 2040. Die Ehe von Lorca und Sahar liegt seit dem Verschwinden ihrer Tochter Tishka in Scherben. Da alle Bemühungen und Untersuchungen seit Monaten im Sande verlaufen, geht Sahar vom Schlimmsten aus; Lorca dagegen gibt seine Hoffnung nicht auf und ist sich sicher, dass Tishka lebt – nur auf gänzlich andere Art wie zuvor…

Alain Damasio (*1969) führt uns in seinem aktuellen Roman DIE FLÜCHTIGEN durch eine grellbunte Mischung aus Familiendrama, Bio-Thriller à la Jeff Vandermeer und Big-Data-Dystopie, gegen die die CIRCLE-Romane von Dave Eggers wirken wie die Kaffeepause der IT-Abteilung einer Kreissparkasse.

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Emma Cline | DADDY

USA 2020 | 256 Seiten
OT: »Daddy«
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-27073-2

Linda war im Haus und telefonierte – mit wem eigentlich, so früh?

(Seite 7)

Die short story hat in Amerika eine lange Tradition und wird dort seit Jahrhunderten gepflegt und gefeiert. Es gehört fast zum guten Ton, dass sich Autorinnen und Autoren von Rang zwischendurch mit einer kleinen Geschichte zu Wort melden und alle paar Jahre ihre Kurzwerke in einem Sammelband veröffentlichen. Manche sind für ihre short stories sogar berühmter als für ihre Romane, wenn ich da an Alice Munroe, John Cheever, Katherine Ann Porter oder Harold Brodkey denke. Nun reiht sich mit DADDY auch die 1989 geborene Emma Cline in diese illustre Riege – das Ergebnis kann sich sehen lassen.

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Esther Becker | WIE DIE GORILLAS

D 2021 | 160 Seiten
Verbrecher Verlag
ISBN: 978-3-95732-470-2

Zu viert müssen sie mich festhalten. Vielleicht auch zu fünft.

(Seite 9)

Esther Beckers Debütroman, der das Erwachsenwerden junger Frauen zum Thema hat, beginnt hart und eindrücklich mit mit einem Übergriff. Was zunächst nach einer Gruppenvergewaltigung klingt, entpuppt sich nach wenigen Absätzen als ärztliche Verabreichung von Augentropfen mit starker Gegenwehr des Kindes. »Achso«, denkt man und wischt sich den Schweiß von der Stirn, »dann ist es ja nicht so schlimm.« – Aber ist es das wirklich nicht? Es folgen weitere Episoden, die sich in den ersten Zeilen härter lesen, als sie am Ende eigentlich sind. Und vielleicht muss man hier und da sogar ein wenig schmunzeln, weil man an die eigene Jugend zurückdenkt, an die eigenen Macken und Verfehlungen in dieser verrückten Zeit, in der man kein Fettnäpfchen ausgelassen hat. Doch beim Lesen von WIE DIE GORILLAS merkt man schnell: Dies ist alles andere als ein Buch mit Jugendschwänken aus der guten alten Zeit und zum Lachen ist hier überhaupt nichts.

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Gert Loschütz | BESICHTIGUNG EINES UNGLÜCKS

D 2021 | 334 Seiten
Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-157-5

»Nicht deine Zeit.«

(Seite 11)

Als Bahnpendler kenne ich dieses unschöne Gefühl, wenn der Zug auf scheinbar freier Strecke plötzlich ohne Vorwarnung stark abbremst. Eben noch ist alles in bester Ordnung: Du bist noch ein bisschen schläfrig, vielleicht auch etwas verkatert; das tiefe Brummen der Motoren und die leisen Gespräche von der Sitzbank vor dir schenken friedliche Geborgenheit; du willst eigentlich lesen, aber deine Augen fallen immer wieder zu; vor den Fenstern erwacht das Mecklenburger Flachland in nebeligem Dämmerlicht aus seinem Schönheitsschlaf; und deine größte Angst besteht darin, dass du die Haltestelle verpennst.

Und dann ist alles anders: Es kreischt von den Gleisen; es zischt und faucht aus irgendwelchen Maschinen, die hinter Kunststoffpanelen in der Wand versteckt sind; Koffer poltern durch die Gänge; Kaffebecher kippen um und ergießen ihren Inhalt über die Schöße der Reisenden; jemand brüllt laut auf, ob vor Angst, Schmerz oder Schreck, bleibt unklar; und du rutschst im Sitz nach vorn, als hätte Hulk dich geschubst, oder wirst wie von Titanenhand in die Rückenlehne gedrückt, je nachdem wie du dich hingesetzt hast, als noch alles in Ordnung war. Und auch wenn es nur ein paar Sekunden dauert und der Zug die Reise dann fortsetzt, als sei nichts gewesen, bist du hellwach und dir sind in diesen kurzen Momenten hundert Dinge durch den Kopf gegangen. »Ein anderer Zug! Direkt auf uns zu! Genau in uns rein! Hier wird’s gleich eng! Das war’s! Adieu schöne Welt, du warst gut zu mir! Aufprall und Ende in 3… 2… 1…«

Passiert nicht oft, und wenn, dann auch selten so heftig, aber es kommt vor. Eine richtige Vollbremsung mit allem Drum und Dran habe ich nur ein Mal erlebt, InterCity von Bremen Richtung Osnabrück, von 160 auf Null in … keine Ahnung … die Zeit bis zum Stillstand war wahrscheinlich viel länger als ich schätzen würde und deutlich kürzer als sie mir vorkam. Muss ich nicht nochmal haben.

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Ling Ma | NEW YORK GHOST

USA 2018 | 360 Seiten
OT: »Severance«
Aus dem Amerikanischen von Zoë Beck
Culturbooks
ISBN: 978-3-95988-152-4

Nach dem ENDE kam der ANFANG.

(Seite 7)

Stellt Euch folgendes Szenario vor: In China bricht eine Krankheit aus, die zunächst langsam und auf eine einzelne Stadt beschränkt, dann aber immer schneller um sich greift und durch den globalisierten Handel auch internationale Gebiete erreicht. Innerhalb weniger Wochen sind fast alle Teile der Welt von einer handfesten Pandemie betroffen. Die Erkrankung verbreitet sich über die Atemluft. Um die Ansteckungen einzudämmen, müssen die Menschen Masken tragen, Sicherheitsabstände einhalten und soziale Kontakte meiden, am besten, sie bleiben gleich ganz zuhause. Doch die Zahlen steigen immer weiter und in kürzester Zeit ist die medizinische Versorgung komplett überlastet… Kommt Euch das bekannt vor? Ich vermute mal: Ja. Eine solche Geschichte präsentiert Euch die amerikanische Autorin Ling Ma in ihrem Debütroman NEW YORK GHOST. Aber ganz ehrlich, ein Buch über eine Pandemie? Wer braucht denn sowas in den heutigen Tagen? Funfact: Der Roman erschien in den USA bereits im August 2018…

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Gabriel Krauze | BEIDE LEBEN

UK 2020 | 384 Seiten
OT: »Who They Was«
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5850-7

Raus aus der Karre und ich steh auf dem Gehweg und das ist der Moment, wenn du aus dem Wagen springst und es ist zu spät umzukehren, wenn du weißt, dass dus definitiv tun wirst, obwohl dich die Art, wie dir das Adrenalin durch den Körper pumpt, eine Sekunde lang wünschen lässt, dass du ganz woanders wärst.

(Seite 5)

Seid Ihr schon mal überfallen worden? Also nicht im Vorbeigehen heimlich beklaut, sondern so richtig mit Androhung von Gewalt in die Ecke gezerrt und ausgenommen? Ich schon. Nachts im Rostocker Szeneviertel Kröpeliner Tor-Vorstadt von zwei bis in die Haarspitzen zugekoksten Prasselköppen, riesige Kerle, vermummt und aggressiv. Ich musste mein Bargeld und meine Armbanduhr opfern, um von den Idioten nicht zusammengeschlagen zu werden. Ist schon mehr als zwanzig Jahre her, hat aber einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Seitdem denke ich immer wieder an diese Nacht zurück, wenn ich von Raubüberfällen aller Art höre, und überlege mir, was ein Mensch erleben muss, um so ein Arschloch zu werden. Jemanden für zehn Mark und ’ne billige Casio – »Wir hatten ja nichts!« – so dermaßen in Angst zu versetzen, ist doch eine erbärmliche Art und Weise, sein Leben zu bestreiten. Der junge Brite Gabriel Krauze, der jahrelang zu genau dieser Sorte von Kriminellen gehörte, hat nun einen Roman über seine wilde Zeit zwischen Raubüberfällen und Drogendealerei geschrieben und landete damit prompt auf der Longlist zum Booker Prize.

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