Florian Knöppler | HABICHTLAND

D 2022 | 320 Seiten
Pendragon
ISBN: 978-3-86532-781-9

Lässt dich ja bitten wie ’ne Jungfrau.

(Seite 5)

Vor gut einem Jahr erschien der Roman KRONSNEST, eine Geschichte, die in den späten 1920er Jahren in der Elbmarsch nordwestlich von Hamburg spielt und von Hannes erzählt, einem Jugendlichen, der zwischen seinem brutalen Vater, wirtschaftlicher Not und dem aufkeimenden Nationalismus sein Leben zu meistern versucht. Nun hat der Autor Florian Knöppler diese Geschichte mit HABICHTLAND fortgesetzt und führt uns die ersten Jahre des Zweiten Weltkrieges.

Weiterlesen »

Joyce Carol Oates | BLOND

USA 2001 | 1024 Seiten
OT: »Blonde«
Aus dem amerikanischen Englisch von Uda Strätling,
Sabine Hedinger und Karen Lauer
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0004-6

Da kam er, der Tod, flog im schwindenden Sepialicht über den Boulevard.

(Seite 17)

Gleich zu Beginn ein Geständnis: Ich wusste bislang so gut wie nichts über Marilyn Monroe. Megastar? Ja. Legende? Klar. Aber außer MANCHE MÖGEN’S HEISS und ihrem berühmten Foto auf dem U-Bahnschacht – und vielleicht ein bisschen »I wanna be loved by you, boop boopie do!« im Ohr –, klingelte bei diesem Namen nicht viel bei mir. Das hat sich nun mit der Lektüre von Joyce Carol Oates‘ Roman BLOND gründlich geändert und darüber bin ich sehr froh. Wie die amerikanische Kultautorin hier auf über tausend Seiten ein ganzes Leben aufblättert, ist ganz großes Kino.

Weiterlesen »

Percival Everett | ERSCHÜTTERUNG

USA 2020 | 288 Seiten
OT: »Telephone«
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-27266-8

Die Leute, und damit meine ich die, sind nie auf Wahrheit,
sondern immer nur auf Befriedigung aus.

(Seite 9)

Der wohl schwerste Schicksalsschlag, den Eltern ereilen kann, ist zweifellos der Verlust des eigenen Kindes. Eine solche Tragödie – aus welchen Gründen auch immer – wirft auch die Stärksten aus der Bahn und kann dazu führen, dass man die Motivation verliert, selbst am Leben zu bleiben. Percival Everett hat mit ERSCHÜTTERUNG einen ebenso eindringlichen wie meisterhaften Roman über das Unbeschreibliche geschrieben.

Weiterlesen »

Eduardo Largo | BROOKLYN SOLL MEIN NAME SEIN

E 2006/2016 | 464 Seiten
OT: »Llámame Brooklyn«
Aus dem Spanischen von Guillermo Aparicio
In Zusammenarbeit mit Carlos Singer
Alfred Kröner Verlag
ISBN: 978-3-520-62401-7

Vor Fenners Point biegt die Landstraße, sich in Richtung Deauville von der Küste entfernend, jäh nach Westen ab.

(Seite 5)

Néstor Chapman steht vor einer schwierigen Aufgabe: Er soll für seinen verstorbenen Freund Gal Ackerman den Roman fertigstellen, an dem dieser sein halbes Leben lang geschrieben hat und schließlich nicht beenden konnte. Im Nachlass findet Chapman unzählige Aufzeichnungen, Kurzgeschichten, Fotos, Zeitungsartikel und Briefe – aus diesem Wust an Lebenserinnerungen soll »Brooklyn« entstehen, so Ackermans Wunschtitel für den Roman. Doch wo soll man mit dem Schreiben beginnen, bei einem an Höhen und Tiefen nicht gerade armen Leben? Die Aufzeichnungen reichen bis weit in die Vergangenheit und spielen an vielen Orten auf der Welt, Dreh- und Angelpunkt ist aber immer wieder das Oakland, eine heruntergekommene Spelunke in Brooklyn, in der Ackerman über Jahre hinweg an seinem Stammplatz saß und schrieb.

Weiterlesen »

Franziska Hauser | KEINE VON IHNEN

D 2022 | 304 Seiten
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0112-9

»Jennifer!«, brüllte ihr Vater.

(Seite 5)

Neben den aktuellen Veröffentlichungen von Joshua Cohen und Berit Glanz habe ich mir in diesem Frühjahr auch den neuen Roman von Franziska Hauser sehnlichst herbeigewünscht. Gut zwei Jahre und eine Pandemie sind seit DIE GLASSCHWESTERN vergangen; jetzt steht mit KEINE VON IHNEN ein Buch in den Läden, mit dem die Autorin aufs Neue beweist, dass sie zu den großen Stimmen des Landes zählt.

Weiterlesen »

Heike Geißler | DIE WOCHE

D 2022 | 313 Seiten
Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-43053-8

Wir sind dumm, doof und dämlich.
Wir sind zu nichts zu gebrauchen.
Wir sind komplett out of order.

(Seite 7)

Montag – der Tag, den niemand mag. Müde Gesichter, schlaffe Körper, Motivationslevel nahe Null. Dass die Woche – außer in Fernsehzeitschriften – gerade mit so einem Scheißtag beginnen muss, scheint gemessen an der bloßen Menge von Anti-Montags-GIFs eine der größten Ungerechtigkeiten unserer privilegierten Gesellschaft zu sein. Wie gut, dass auf den grässlichen Montag ein rettender Dienstag folgt; am Mittwoch kann man sich dann schon fast aufs Wochenende freuen. Doch was, wenn der Montagsblues keine Ende nähme? Wenn nach dem Montag ein weiterer käme und dann noch einer? Die Woche nur noch aus Montagen bestünde? Heike Geißler spielt mit diesem Schrecken und treibt den Horror in ihrem neuen Roman DIE WOCHE auf die sarkastische Spitze. Doch wer jetzt an Zeitschleifen-Komödien wie UND TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER oder PALM SPRINGS denkt, irrt, denn hinter DIE WOCHE verbirgt sich eine ebenso vor Wut bebende wie kunstvoll dargebotene Anklage gegen die eingefahrenen Normen, wie man sie selten zu lesen bekommt.

Weiterlesen »

Stephan Thome | PFLAUMENREGEN

D 2021 | 526 Seiten
Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-43011-8

Sie rannte so schnell, dass die Welt vor ihren Augen verschwamm.

(Seite 11)

Die asiatische Insel Formosa – besser bekannt unter dem Namen Taiwan – hat eine sehr bewegte Geschichte. Während der Xinhai-Revolution in China 1911/12 und dem darauf folgenden Untergang des chinesischen Kaiserreiches war die Insel unter japanischer Kolonialherrschaft, ging nach der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg aber an China zurück. Der bis 1949 anhaltende Chinesische Bürgerkrieg führte dazu, dass sich die militärische Elite um den Führer Chiang Kai-Shek nach Taiwan absetzte und dort einen eigenen Staat errichtete, quasi als Gegenentwurf zur kommunistischen Volksrepublik auf dem Festland unter Mao Zedong. In den letzten Jahrzehnten wuchs in Taiwan eine lebendige Demokratie, das Land ist hochentwickelt und die Menschen sind sich ihrer nationalen Identität wohlbewusst. Offiziell unabhängig wurde Taiwan jedoch nie und die Insel ist international nur von wenigen Ländern als eigenständiger Staat anerkannt. Seit Jahrzehnten schwelt zwischen China und Taiwan eine Art kalter Krieg, ein militärischer Angriff seitens Chinas liegt permanent in der Luft, eine Bedrohung, die seit dem 24. Februar 2022 noch einmal viel deutlicher wurde.

Weiterlesen »

Percival Everett | ICH BIN NICHT SIDNEY POITIER

USA 2009 | 288 Seiten
OT: »I am Not Sidney Poitier«
Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn
Luxbooks
ISBN: 978-3-939557-09-8

Ich bin die schicksalsgeplagte Frucht einer hysterischen Schwangerschaft, aber überraschenderweise nicht selbst hysterisch, wenn auch vielleicht etwas seltsam.

(Seite 9)

Am 6. Januar 2022 starb Sidney Poitier – Schauspieler, Regisseur, Diplomat, Hollywood-Legende und Ikone im Kampf gegen den Rassismus in den Vereinigten Staaten. Zu seinen erfolgreichsten Filmen zählen die Klassiker FLUCHT IN KETTEN, IN DER HITZE DER NACHT und LILIEN AUF DEM FELDE, für den er 1964 als erster Afro-Amerikaner den Oscar für die beste Hauptrolle gewann. Als ich nach der Meldung seines Todes ein wenig im Netz stöberte, stieß ich auf einen Roman mit dem sehr eigenwilligen Titel ICH BIN NICHT SIDNEY POITIER von Percival Everett, einem Autor, von dem ich vor einigen Jahren schonmal ein Buch gelesen hatte, das mir in guter Erinnerung geblieben war. Also her damit – gekauft, angelesen, schockverliebt. Allein der Klappentext hat schon ausgereicht, um mich in den Bann zu ziehen.

Weiterlesen »

Irene Solà | SINGE ICH, TANZEN DIE BERGE

E 2019 | 208 Seiten
OT: »Canto jo i la muntanya balla«
Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann
Trabanten Verlag
ISBN: 978-3-98697-000-0

Wir kamen mit vollen Bäuchen.

(Seite 11)

Ich wollte schon immer mal in die Pyrenäen. Ich weiß gar nicht genau, warum – die Alpen sind sicherlich imposanter und das stets herzerwärmende Postkartenmotiv des glühenden Matterhorns bei Sonnenuntergang ist wohl kaum zu toppen. Also warum die Pyrenäen? Vielleicht ist es der geheimnisvolle Name? Py-re-nä-en … seltsam … mysteriös … besonders. Ob ich da jemals wirklich hinreise? Wohl eher nicht. Ich spreche weder französisch noch spanisch und wäre – als waschechter Flachländer – schon nach dem ersten Gipfel physisch komplett am Ende. Aber gegen meine unerklärliche Sehnsucht nach diesem Ort gibt es ja Romane – und SINGE ICH, TANZEN DIE BERGE von Irene Solà ist ein ganz wundervolles Beispiel dafür.

Weiterlesen »