Jami Attenberg | SAINT MAZIE

USA 2015 | 377 Seiten
OT: »Saint Mazie«
aus dem Amerikanischen von Barbara Christ

Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-203-9

Heute habe ich Geburtstag. Ich werde zehn. Dich habe ich geschenkt bekommen. […] Du bist mein New-York-Tagebuch. (Seite 12)

INHALT: Amerika zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts. Die Schwestern Rosie, Jeannie und Mazie Phillips finden Zuflucht vor ihrem Vater in der Bowary Road, einer heruntergekommenen Straße im Süden Manhattans, Anziehungspunkt für Bettler, Huren und allerlei zwielichtige Gestalten. Rosie, die älteste, übernimmt fortan die Mutterrolle und kümmert sich um ihre minderjährigen Schwestern so gut es ihr möglich ist. Als Mazie alt genug ist nimmt sie einen Job als Kassenwärterin vor einem Kino an, einen Posten, den sie die nächsten Jahrzehnte nicht mehr verlassen wird. Hier lernt sie die ganze Nachbarschaft kennen, die Gewinner und die Verlierer, Glücksritter, Neureiche, Penner und Banker, Cops und Kriminelle. Doch ob jung oder alt, arm oder reich – Mazie hat für jeden etwas übrig, und wenn es nur ein wärmender Händedruck ist.

Als die Weltwirtschaftskrise von 1929 und die darauf folgende Große Depression das Land bis ins Mark erschüttert, zwingt es in New York auch die Reichsten in die Knie. Die Zahl der Obdachlosen steigt akut, Krankheiten verbreiten sich, die Bowary gleicht einem Lazarett – das ist Mazies Stunde. Durch die dubiose Hinterlassenschaft ihres Schwagers finanziell gut aufgestellt, macht sie sich auf durch die stinkende Gosse, um den Armen zu helfen, lässt sie kostenlos in ihrem Kino übernachten, schenkt ihnen Geld und Seife, unterstützt sie beim Neuanfang. Ohne es darauf angelegt zu haben, wird sie zur Königin der Bowary, der Heiligen Mazie. Doch die Aufopferung hat ihren Preis – das Einzige, was Mazie verwehrt bleibt, ist die wahre Liebe.

FORM: Die Geschichte um Mazie wird zum größten Teil als Sammlung von Tagebucheinträgen erzählt. Zwischendurch kommen immer wieder Augenzeugen oder Nachkommen zu Wort, die dem Roman einen authentischen Anstrich verleihen. Im Laufe der Lektüre wird dem Leser gewahr, dass eine gewisse Nadine (der Name taucht nur zweimal auf) das Tagebuch gut siebzig Jahre nach dem letzten Eintrag in einer Kiste gefunden hat und Mazies Geschichte die Ehre einer Veröffentlichung zukommen lassen will. Das Ergebnis hält der Leser in den Händen.

Jami Attenberg (*1971), die vor zwei Jahren mit ihrer hochgelobten Familiengeschichte DIE MIDDLESTEINS auch in Deutschland den Durchbruch schaffte, zeichnet mit SAINT MAZIE ein sanftes Bild einer rauhen Zeit. Auch wenn ihre Titelfigur zeitweise schwer mit dem Alkohol zu kämpfen hat, mit üblen Kerlen abhängt und ab und an den Mut zu verlieren droht, bleibt der Tonfall zart und voller Hingabe. Manchmal zieht sich der Text etwas, besonders dem vor sich hin plätschernde Mittelteil hätte etwas Straffung nicht geschadet. Sehr gelungen jedoch finde ich die zweite Ebene mit den Zeugenberichten, die Attenbergs Alter Ego Nadine auch direkt ansprechen. Das wirkt wie ein ungewollter Blick hinter die Kulissen.

FAZIT: Ein sanftes Buch über eine echte Heldin. Vier Sterne.


Ich danke dem Verlag Schöffling & Co für das Rezensionsexemplar. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier.

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