Peter Wawerzinek | RABENLIEBE

D 2010 | 428 Seiten
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-020-4

Schnee ist das Erste, woran ich mich erinnere. […] Es schneit sanft in den Ort hinein. Danach gewinnt der Schneefall an Stärke. Es ist so oft Winter in meinem Kopf. Es schneit so häufig, dass ich denke, in meinen Kinderheimjahren hat es nur Schnee und Winter, Frost und Eiseskälte gegeben. (Seite 9)

INHALT: Als Kleinkind wird Peter Wawerzinek von seiner Mutter verlassen. Sie flieht Ende der 1950er in den Westen. Für den jungen Peter beginnt eine jahrelange Odyssee durch Kinderheime und Pflegefamilien, die ihn bis an den Rand seiner psychischen Belastbarkeit bringt. Peter, ein sensibles und begabtes Kind, fragte sich sein Leben lang nach den Gründen der Flucht. Was bringt eine Mutter dazu, ihr Kind einem solchen Martyrium auszusetzen? Ein halbes Jahrhundert später macht er sie im Odenwald ausfindig. Es kommt zur persönlichen und ernüchternden Wiedervereinigung.

FORM: Der stark autobiografisch gefärbte Roman teilt sich in zwei Teile. Der erste Teil behandelt die Kindheits- und Jugendjahre in den Heimen und Pflegefamilien. Die furchtbaren Zustände, denen Peter Wawerzinek (*1954) wie als Mensch zweiter Klasse ausgesetzt war, beschreibt er mit beißendem Humor und klarer Deutlichkeit, unterbrochen von Zeitungsartikeln über Familienträgödien und Gesetzestexten aus dem Adoptivrecht.

Ich wurde in den vier Jahren der Adoption gegen meine Natur gezwungen. Ich sehe mich gegen meine Talente und das bereits vorhandene individuelle Potential fehlerhaft umerzogen. Mir ist während der Adoptionszeit am intensivsten vorenthalten worden, was ich am meisten gebraucht hätte: Zuneigung, Mutterliebe, Wärme, Entdeckung und Ausweitung meienr Talente. (Seite 163)

Der zweite Teil springt dann in die heutige Zeit. Wawerzinek ist bereits erwachsen, angesehener Schriftsteller und immer noch auf der Suche. Seine Mutterlosigkeit ist Teil seines Lebens, eine ewige Wunde. Der Text ist ab hier sehr viel poetischer und philosophischer, hat also, wie die Hauptperson selbst, eine Entwicklung durchgemacht. Immer wieder sind Volkslieder (Im Frütau zu Berge wir ziehen, fallera) und Spielgedichte (A, B, C, die Katze lief im Schnee) in den Fließtext eingebaut, die die Prosa unterstützen.

FAZIT: Selten hat mich ein Roman dermaßen berührt und aufgewühlt. Peter Wawerzinek (ein Rostocker übrigens) hat in jahrelanger Schreibarbeit soviel Sehnsucht, Verzweifelung und Hassliebe in seinen Text gepackt, dass es einem fasst das Herz zerreißt. 2010 landete RABENLIEBE auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und Wawerzinek gewann bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur sowohl den Ingeborg-Bachmann-Preis als auch den Publikumspreis – völlig zu Recht! Fünf Sterne.

Die Erinnerung ist ein Bürgersteig. Erinnern ist wie über Gehwegplatten kommen, die groß sind, manche zerbrochen. Die Abstände wachsen. Zwischenräume werden Mühe. Du kannst nicht mehr von der einen zur nächsten Erinnerung treten. (Seite 206)

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