Maria Popova | FINDUNGEN

USA 2019 | 896 Seiten
OT: »Figuring«
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer,

Heike Reissig und Tobias Rothenbücher
Diogenes Verlag
ISBN: 978-3-257-07127-6

Alles, einfach alles […] wurde vor 13,8 Milliarden Jahren aus einer Singularität zum Leben erweckt, einer einzigen Quelle, nicht lauter als die Eröffnung von Beethovens Fünfter Sinfonie und nicht größer als der Punkt über dem kleinen i des Ichs, das von seinem Sockel gestoßen wurde.

(Seite 13f.)

Was haben die Astronomin Maria Mitchell, die Schriftstellerin Margaret Fuller, die Bildhauerin Harriet Hosmer, die Dichterin Emily Dickinson und die Biologin Rachel Carson gemeinsam … außer dass sie US-Amerikanerinnen waren und zu den bedeutendsten Frauen in Wissenschaft, Kunst und Literatur der letzten zweihundert Jahre zählen? Sie alle sind die Hauptfiguren der Mehrfach-Biografie FINDUNGEN der bulgarisch-amerikanischen Kritikerin Maria Popova (*1984).

Ich bin zugegebenermaßen kein großer Sachbuchleser, und auch Biografien sind nicht gerade meine Leidenschaft. Meine letzte Sachbuchlektüre liegt schon gut zehn Jahre zurück: LÄNGENGRAD von Dava Sobel, das ich eher aus beruflichem Interesse gelesen hatte. Als ich FINDUNGEN dann in den Händen hielt, musste ich erstmal durchatmen. Knapp neunhundert Seiten ungeliebte Sachbuchprosa? Pfff… Von den genannten Damen kannte ich nur Emily Dickinson, von den anderen hatte ich noch nie etwas gehört. Dementsprechend skeptisch ging ich an Popovas FINDUNGEN heran, doch nach nur wenigen Zeilen war es um mich geschehen. Allein der erste Satz – ein anderthalbseitiges Ungetüm, das die halbe Weltgeschichte mit Popovas persönlichsten Empfindungen und dem Urknall verkettet – fesselt ungemein und macht Lust auf mehr.

Ab hier ist die Marschrichtung klar: Maria Popova schreibt auf poetische und doch leicht lesbare Art und Weise von einzelnen Menschen und ihren Schicksalen, lässt dutzende historische Nebenfiguren auftreten und verbindet alles mit allem – denn wir gehören alle zusammen. Kein Mensch ist allein, jeder ist Teil dieser Welt und somit auch Teil der Weltgeschichte. Dass es die hier hauptsächlich beschriebenen Frauen nicht leicht hatten, liegt an dem traurigen Los, zu früh und in männerdominierte Epochen geboren zu sein – doch sie alle glaubten an sich und ihre Sache, begehrten mutig gegen diese Ungerechtigkeit auf und waren somit ihrer Zeit um Jahrzehnte, wenn nicht gar um Jahrhunderte voraus. (Im ersten Kapitel wird noch Johannes Kepler als Hauptfigur eingeführt, der im weiteren Verlauf aber nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Ich denke, Kepler ist so etwas wie der Quotenmann in einem Buch voller Frauen – Popova hätte ihn auch gut und gerne weglassen können.)


Die Lebensgeschichten, die uns Popova präsentiert, gehen inhaltlich weit über das oberflächliche Wikipedia-Wissen hinaus; die Recherche zu FINDUNGEN muss die Autorin Jahre intensivster Arbeit gekostet haben. Die im Anhang des Buches aufgelistete Menge benutzter Quellen geht deutlich in die Hunderte. Dazu zählen nicht nur die wissenschaftlichen und literarischen Schriften, sondern auch sämtliche überlieferte Tagebücher und Briefwechsel der Hauptfiguren. Dadurch lenkt Popova den Fokus nicht nur auf die – ohnehin schon bedeutenden – historischen Errungenschaften, die wir diesen Frauen zu verdanken haben, sondern auch auf deren persönlichste Gedanken, Sorgen und Nöte. Ein wichtiger Punkt bei jeder der Figuren ist zum Beispiel das Hadern mit dem heteronormativen, christlich geeichten Modell der Ehe. Sie alle haben ihre heimlichen Liebschaften, gehen vor Kummer fast vor die Hunde und stellen in ihren Briefen oft die Frage, warum man nicht einen Menschen auf die eine, und gleichzeitig einen anderen auf die andere Art, aus ganz anderen Gründen lieben darf – ein Problem, auf das es bis heute keine in der breiten Gesellschaft anerkannte Lösung gibt.

Alle paar Kapitel lässt Maria Popova ihre eigenen Gedanken in den Text einfließen, meldet sich sozusagen aus dem Off. Auf diese Weise ruft sie uns immer wieder ins Gedächtnis, dass alles miteinander verwoben ist: Ihre Figuren untereinander; die Figuren durch die Arbeit an deren Biografien auch mit der Autorin; und selbst wir, die wir das Ergebnis dieser Arbeit lesen, durch die Autorin mit den Figuren. Sie beendet ihr großartiges Werk so, wie sie es begonnen hat: Mit einer allumfassenden, tieftraurigen und wunderschönen Wahrheit.

Ich werde sterben.
Du wirst sterben.
Die Atome, die sich für einen kosmischen Wimpernschlag um den Schatten eines Ichs versammelten, werden in die Meere zurückkehren, die uns geschaffen haben.
Was von uns bleiben wird, sind uferlose Samen und der Staub der Sterne.

(Seite 844)

Selten hat mich ein Sachbuch so sehr vom Hocker gerissen. Aufregende Lebensgeschichten voller Erfolg und Tragödie, getaucht in sowohl leichtfüßige als auch tiefgreifende Prosa. Dieses Buch ist ein großes Glück!


FINDUNGEN erschien beim Diogenes Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet. Mehr von Maria Popova gibt es auf der Internet-Plattform Brain Pickings und auf ihrem Instagram-Kanal.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

2 Gedanken zu “Maria Popova | FINDUNGEN

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