Wytske Versteeg | BOY

NL 2013 | 237 Seiten
Verlag Klaus Wagenbach Berlin
ISBN: 978-3-8031-2755-6

»Die Leiche kommt immer wieder hoch«, sagte die Frau. »Die Leute denken nur, man kann einfach verschwinden.«
Sie hieß Joke und trug dunkellila Schlabberkleider. Ich hatte sie in letzter Zeit eindeutig zu oft zu Besuch gehabt; Polizisten schickt man nicht fort, man bietet ihnen Kaffe an. (Seite 7)

INHALT: Boy ist der Name des Adoptivkindes der Ich-Erzählerin und ihres Mannes Mark. Sie haben den Jungen aus einem afrikanischen Kinderheim nach Holland geholt, weil sie selbst keine Kinder bekommen können. Boy erlebt eine angenehme und gut behütete Kindheit, bleibt aber dennoch ein schüchterner und verschlossener Junge. Mit der Pubertät mutiert diese Verschlossenheit zu einer Unnahbarkeit, auch seinen Adoptiveltern gegenüber. Hinzu kommen Mobbing und Pöbeleien in der Schule, ausgelöst durch seine Hautfarbe und sein zartes Wesen, das ihn bei den halbstarken Jungs zum Opfer macht. Eines Tages kommt er nach der Schule nicht mehr nach Hause und lange Zeit später die Gewissheit: Boy ist tot.

Der Mutter entzieht diese Nachricht den Boden unter den Füßen. Jahrelang kann sie sich nicht aus ihrer Trauer befreien und droht daran zu zerbrechen, wenn sie nicht Klarheit über die Ursachen und den Hergang von Boys Tod hat. Sie erfährt, dass der einzige Mensch, zu dem Boy so etwas wie Vertrauen aufbauen konnte, seine Theaterlehrerin Hannah war, die aber seit dem Vorfall nicht mehr an der Schule arbeitet. Nach langer Recherche macht sie Hannah in Bulgarien ausfindig, wo sie auf dem Lande ein Aussteigerleben führt und ein neues Leben begonnen hat. Unter falschem Namen zieht Boys Mutter als freiwillige Helferin bei Hannah ein und erschleicht sich nach und nach ihr Vertrauen, mit dem Ziel, sich irgendwann bei Hannah zu rächen und so der lähmenden Trauer zu entkommen. Doch Hannah hat an der Vergangenheit und ihrer Rolle in Boys Leben selbst schwer zu schleppen. In wochenlangen Gesprächen legt sie Stück für Stück die Tragödie um Boys Tod frei.

FORM: Wytske Versteeg (*1983) ist mit BOY ein tiefschwarzes Psychodrama gelungen, das in der ersten Hälfte eine reine Rachegeschichte zu werden droht, sich dann aber in ein psychologisches Kammerspiel verwandelt – alles andere wäre auch das Aus für den Roman gewesen. Versteeg schreibt ihre traurigen Sätze schnörkellos und ohne Witz, brutal realistisch, was nicht als Minuspunkt gewertet werden soll. Im Gegenteil: Es ist ihr wichtig, die Trauer, das abgrundtiefe Elend der Mutter, in entsprechende Prosa zu kleiden. Das gelingt ihr auch grandios, allerdings sollte sich der Leser auf eine emotionale Tauchfahrt einstellen, denn der Text zieht einen wirklich runter.

Die einzige stilistische Spielerei, die sich Versteeg erlaubt, ist im letzten Drittel der Perspektivwechsel von der Ich-Erzählerin (der Mutter) zum eher seltenen Du. (So richtig bewusst habe ich das zuletzt in einem Kapitel in Frédéric Beigbeders NEUNUNDREISSIGNEUNZIG gelesen, und das ist schon Jahre her.) Damit schafft Versteeg es, ihre Leser mit ins Boot zu holen. Sie sollen an der Geschichte teilnehmen, sie sollen die Mutter sein.

All diese Geschichten teilst du mit ihr, alles, was schön und präsentabel ist, allerdings ohne seinen Namen zu nennen. Sie hört dir zu und schweigt, als würde sie dir nicht ganz glauben und noch auf etwas warten – auf den Teil der Geschichte der noch aussteht. (Seite 153)

Ziel erreicht: Eine größere Nähe ist kaum möglich.

FAZIT: Ich halte mich nicht für einen übermäßig empfindlichen Leser, aber BOY hat mir ordentlich zugesetzt. Den Roman mit dem Tod des Jungen zu beginnen, diese ganze elendige und ausweglose Trauer, dieses üble Schicksal des armen Jungen – das ist schon ganz schön harter Tobak. Sehr erfreut hat mich, dass Versteeg den Bogen schafft und die Geschichte nicht in einer Racheorgie enden lässt. (Es gibt nichts Schlimmeres als diese Kill-Bill-Auge-für-Auge-Stories; das befriedigt nur niedere Instinkte und hat in einer aufgeklärten, modernen Welt nichts verloren, auch nicht als literarisches Motiv.) Dies und der Trick mit der Perspektive haben mich schließlich davon überzeugt, dass BOY ein gelungener Roman über Trauer und Verlust ist, und Wytske Versteeg eine Autorin, die man im Auge behalten sollte. Fünf Sterne.

Ganz ähnlich sehen es auch Die Buchbloggerin und Mareike vom Herzpotential.

4 Gedanken zu “Wytske Versteeg | BOY

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