Akos Doma | DER WEG DER WÜNSCHE

D 2016 | 334 Seiten
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-87134-839-6

An jenem dösigen Sonntagnachmittag, während die Sonne hinter der efeugrünen Mauer der benachbarten Villa verschwand und die Torten auf dem Tisch Stück um Stück kleiner wurden und ihre Mutter Arm in Arm mit der Tante Runden auf dem Sandsteinpfad durch den Farten drehte, warteten Misi und Bori ungeduldig auf die Rückkehr ihres Vaters, wegen der Überraschung, die er ihnen versprochen hatte. (Seite 9)

INHALT: Anfang der 1970er Jahre beschließen Károly und Teréz Kallay, ihr Heimatland Ungarn zu verlassen. Beruflich und auch privat sind die beiden an einem Punkt angelangt, der diesen großen Schritt unabwendbar macht: Der Staat lässt ihre Karrieren durch bloße Willkür stagnieren, Bespitzelung durch die Nachbarschaft steht auf der Tagesordnung – das Leben der Kallays ist schlicht unerträglich. Mit ihren Kindern Bori und Misi, ihrem Hund und dem nötigsten Gepäck machen sie sich auf den Weg nach Jugoslawien, um über Italien und die Schweiz nach Deutschland zu gelangen, ihrem eigentlich Ziel. Doch die Familie, sowohl als Einheit als auch jeder für sich, wird auf harte Proben gestellt.

Im Flüchtlingslager in Capua bei Neapel herrschen desolate Zustände. In den fenster- und türlosen Behausungen muss die Familie ihre Privatsphäre komplett aufgeben und sich zwischen all den hunderten Flüchtlingen jeden Tag neuen Gefahren stellen. Und während der achtjährige Misi einem durchgeknallten Waffennarr folgt, die jugendliche Bori sich in einen zwielichtigen Straßenzauberer verliebt und Vater Károly verzweifelt versucht, die Familie finanziell über Wasser zu halten, geht Mutter Teréz (stets die treibende Kraft) einen Handel mit dem korrupten und machtbesessenen Lagerdirektor ein, der ihr mehr abverlangt, als sie zu geben imstande ist. Die Familie droht zu zerbrechen…

FORM: Akos Doma (*1963) beginnt seinen Roman mit dem Geburtstag Misis, einer Idylle in ruhigen Sätzen, einem Stil dem er auch später, wenn die Odyssee der Kallays aufreibend und dramatisch wird, treu bleibt bis zum Ende. Nie verliert er als Erzähler die Ruhe und die Kontrolle über seine Figuren, das gibt der Geschichte einen sehr realistischen Ton.

Unter die Kapitel, die chronologisch die Flucht und die Ereignisse in Capua beschreiben, sind auch Kapitel gestreut, die Licht ins Dunkel der Geschichte der Kallays bringen und erklären, warum es die Familie in Ungarn so schwer hatte. Ein sehr interessantes Detail, das dabei zum Vorschein kommt, ist, dass jeder in der Familie irgendwann privat oder politisch vor etwas flieht – den Kallays scheint die Flucht als solches in den Genen zu liegen. Diese zweite Ebene, die Doma nach und nach entblättert, gibt dem Roman die Tiefe, die er braucht, um nicht bloßer Flüchtlingsbericht zu bleiben.

FAZIT: Im Leseprobenheft für den diesjährigen Deutschen Buchpreis (DER WEG DER WÜNSCHE stand auf der Longlist) war mir der Text nicht weiter aufgefallen, was vielleicht auch ein wenig am Thema lag, das nicht unbedingt zu meinen Jagdgründen zählt. Aber eine Lesung im Literaturhaus Rostock und ein sehr angenehmes Gespräch mit dem Autor danach hatten mein Interesse geweckt. (Akos, falls Du das hier liest: Danke für den schönen Abend!)

Für meinen Geschmack ist der Text fast zu ruhig; ein bisschen mehr Druck aufs Gaspedal hätte an einigen Stellen gutgetan. Dennoch ist DER WEG DER WÜNSCHE ein sehr lesenswerter Roman, der zum einen einer Epoche der europäischen Geschichte ein Denkmal setzt und zum anderen an die Kraft und den Zusammenhalt der Familie appelliert. 4 Sterne plus Leseempfehlung!

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