Donald Antrim | DIE HUNDERT BRÜDER

USA 1997 | 220 Seiten
OT: »The Hundred Brothers«

Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-499-27077-2

Meine Brüder Rob, Bob, Tom, Paul, Ralph, Phil, Noah, William, Nick, Dennis, Christopher, Frank, Simon, Saul, Jim, Henry, Seamus, Richard, Jeremy, Walter, Jonathan, James, Arthur, Rex, Bertram, Vaughan, Daniel, […] , alle meine achtundneunzig Brüder, George nicht mitgezählt, und ich versammelten uns also kürzlich in der roten Bibliothek und beschlossen, dass nunmehr endgültig der Zeitpunkt gekommen sei, mit dem Trübsalblasen aufzuhören, die Vergangenheit hinter uns zu lassen, gemeinsam eine Kleinigkeit zu Abend zu essen und zu eruieren, falls wir uns dazu überwinden konnten, wo sich die abhandengekommene Urne mit der Asche des alten Hurenbocks befand. (Seiten 17 bis 19)

INHALT: Der lange erste Satz aus Donald Antrims Zweitling von 1997 gibt das Ziel des Treffens der hundert Brüder schon vor: Eine Hundertschaft von Männern zwischen zwanzig und über neunzig Jahren treffen sich in einem riesigen Anwesen um sich beim Abendessen konstruktiv miteinander zu unterhalten. Punkt.

Rückblickend erscheint dieses Vorhaben hoffnungslos optimistisch, ja lächerlich, denn die Zusammenkunft kippt relativ früh in ein heilloses Chaos mit mehreren Verletzten, und das wohl nicht zum ersten Mal. Alte Machtkämpfe werden aufgewärmt, der Alkohol fließt in rauen Mengen und lässt die ungleichen Brüder gehörig aneinander geraten. Die Luft ist testosterongeschwängert, alle lieben sich, alle hassen sich – eine tobende Rasselbande pubertierender Jungs in Körpern erwachsener Männer. Der eigentliche Zweck des Treffens gerät mit fortschreitender Stunde immer mehr in Vergessenheit, und als nach Mitternacht im Brausebrand Fledermäuse mit Tennisschlägern gejagt werden und mit Sofakissen American Football quer über die Essensreste gespielt wird, ist an ein sachliches Gespräch über den Verbleib der Urne nicht mehr zu denken. Währenddessen braut sich draußen ein Schneesturm zusammen und lässt das antike Bibliotheksgebäude nach und nach in sich zusammenfallen…

FORM: Wie schon in seinem großartigen Debütroman WÄHLT MR. ROBINSON FÜR EINE BESSERE WELT zieht Antrim bei DIE HUNDERT BRÜDER alle Register des Absurden und Übertriebenen. Auch hier wird in einem einzigen 200 Seiten langen Fließtext in oberlehrerhaftem Ton von den Vorkommnissen berichtet. Der Ich-Erzähler Doug, altersmäßig einer der mittleren Brüder, beschreibt das Familientreffen und seinen chaotischen Verlauf ehrlich und aufrichtig, ihm ist aber nicht ganz zu trauen, denn auch er leidet unter Stimmungsschwankungen und unterdrückten Komplexen.

Man kann DIE HUNDERT BRÜDER als witzig-skurrilen Roman lesen, als solcher ist er voller Humor und weiß zu unterhalten – ein kurzes Vergnügen für den Liegestuhl im Frühlingsgarten. Es gibt aber auch eine enorme symbolische Ebene über die man stundenlang rätseln kann. Das Zerfallen der Bibliothek; die labyrinthischen Gänge immer tiefer in die Literaturgeschichte; die seltsamen Obdachlosen im Garten; die Reinkarnationen des Vaters in den Wasserflecken der Gebäudedecken; der Mythos des Kornkönigs und sein trauriges Ende als Ernteopfer – all diese Bilder und Metaphern geben dem kurzen Roman genau das zusätzliche Gewicht, das er braucht, um nicht nur als kurzweiliger Spaß in Erinnerung zu bleiben.

FAZIT: Nach MR. ROBINSON der zweite Knüller von Donald Antrim; für mich die Neuentdeckung des Jahres. 5 Sterne!

7 Gedanken zu “Donald Antrim | DIE HUNDERT BRÜDER

    • Antrim ist grandios! Die Stories lese ich nebenbei immer mal wieder eine, konnten mich aber noch nicht so überzeugen. DIE WAHRHEITSFINDER liegen schon bereit und nächstes Jahr erscheint seine Quasi-Biografie MUTTER … und dann war’s das auch schon mit dem Gesamtwerk. Vielleicht schiebt er ja nochmal einen Roman nach.

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