David Foster Wallace | UNENDLICHER SPASS

USA 1996 | 1550 Seiten

INHALT: Hal ist das Tennis-Wunderkind an der Enfield Tennis Acedemy nahe Boston. Sein Vater James Incandenza, Gründer dieser Academy, war nebenbei auch Hobby-Filmemacher und gehörte nach seinem Selbstmord posthum zur Crème de la Crème der experimentellen Filmkunstszene. In seinem umfangreichen Werk voller trashiger Aprèsgarde lässt sich auch ein Mehrteiler namens »Unendlicher Spaß« finden, den noch niemand in voller Länge gesehen hat, Incandenza selbst eingeschlossen. Es geht die Legende, der Film sei so lustig und unterhaltsam, dass, wer diesen Film sieht, in kürzester Zeit von ihm abhängig wird, sein Gehirn gegen einen halben Eimer Götterspeise eintauscht und zu einem sabbernden Pflegefall wird.

Zu dieser Zeit sind die USA, Kanada und Mexiko zur »Organisation Nordamerikanischer Nationen« (O.N.A.N.) fusioniert, einem Staat, der sich dem Kapitalismus vollends unterworfen hat, deren Einwohner nur noch auf Nonstop-Entertainment und Betäubung aus sind, geführt von einem Trottel von Präsidenten. Eine Gruppe franko-kanadischer Seperatisten versucht nun, die ihnen verhassten Amerikaner auszurotten, indem sie den Film »Unendlicher Spaß« ins Hauptkabelnetz einspeisen und die unterhaltungssüchtigen Deppen auf das Niveau von Zweijährigen zurückzuschleudern – Ein ganzer Kontinent voller sabbernder Pflegefälle. Dazu muss erstmal die Masterkassette gefunden werden, von der es keine Kopien gibt. Die liegt aber mit ihrem Schöpfer sechs Fuß unter der Erde auf dem Gebiet der Enfield Tennis Academy und nur Sohnemann Hal weiß wo. Und auch der Geheimdienst der O.N.A.N. ist den Seperatisten schon auf der Spur.

FORM: Diese Inhaltsangabe ist wirklich nur auf das allernötigste reduziert, denn es ist ein absoluter Wahnsinn, was in diesem Buch alles passiert. Ich glaube, in diesem Text kommen alle Wörter und Fremdwörter vor, die es gibt … und auch die, die es NICHT gibt. Das Buch platzt förmlich aus allen Nähten. David Foster Wallace schreibt wasserfallartig auf allerhöchstem Niveau mit einem Humor der seinesgleichen sucht. Es gibt Szenen, die an schräger Situationskomik und surrealer Phantasie kaum noch zu überbieten sind, voller Ideen, voller Witz, voller Herzblut. Hinzu kommt der schiere Umfang des Buches mit seinen anderthalb Kilo, die einem in jeder Leselage die Lektüre erschweren. Im Bücherschrank sieht es aus wie ein weißer Ziegelstein. Und das MUSS auch so sein: Das Buch WILL nicht bequem sein, es will anecken, auffallen, in Erinnerung bleiben; es ist ein Koloss in jeder Hinsicht. Wer UNENDLICHER SPASS auf einem 180-Gramm-Reader liest, verpasst die Hälfte.

FAZIT: Ich weiß nicht, ob ich das Ding jemals wieder in die Hand nehmen werde, vergessen werde ich den ganzen Spaß jedenfalls nicht. Und ich weiß auch nicht genau, ob ich es weiterempfehlen kann, eher müsste ich davor warnen: Dieses Buch verlangt seinem Leser alle Kräfte ab, wer aber am Ball bleibt, wird reichlich belohnt.
Sternenvergabe: Fünf Sterne – Meisterwerk!

p.s.: Auf David Foster Wallace (1961-2008) wurde ich durch Jürgen von der Lippes Literatursendung WAS LIEST DU?aufmerksam, das muss an die zehn Jahre her sein. Damals wurde seine Kreuzfahrt-Reportage SCHRECKLICH AMÜSANT – ABER IN ZUKUNFT OHNE MICH vorgestellt, die ich daraufhin mit großem Genuss las. Es folgten Kurzgeschichten und sein Romandebüt DER BESEN IM SYSTEM, an dessen Inhalt ich mich kaum noch erinnere, wohl aber an den Humor, die irren Ideen und schrulligen Charaktere. Damals steckte ich Wallace in die Schublade [KLUG & WITZIG], dort hatte er dann Gesellschaft mit Hornby und Robbins und Konsorten. Spätestens mit der Nachricht über den Selbstmord Wallace‘, die Legenden um ihn, seine Krankheit und sein Werk und das darauf folgende Riesentamtam um die Übersetzung von INFINITE JEST ins Deutsche, bekam Wallace bei mir einen anderen Stellenwert: Also öffnete ich die Schublade, holte den nun toten kleinen David heraus und legte ihn in die Schublade [WICHTIG & RELEVANT] an die Seite von Pynchon und Joyce. Ich holte mir den Schinken direkt am Erscheinungstag und hatte von da an regelrecht Schiss vor dem Text. Mittlerweile war soviel von dem Buch an mein Ohr gedrungen, dass ich das Gefühl hatte, ich müsste noch warten, bis die Zeit für mich reif wäre. Dass das noch weitere sechs Jahre dauern würde, war mir damals nicht klar, jetzt bin ich aber froh darüber.

Ich halte David Foster Wallace für einen der wichtigsten Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Er hat die amerikanische Literatur um Einiges vorangetrieben und bereichert. Sein letzter Roman DER BLEICHE KÖNIG, der unvollendet blieb, steht schon lesebereit in meinem Regal (mal sehen, wie lange noch), und auf seine Biographie und den Kinofilm freue ich mich auch schon.

5 Gedanken zu “David Foster Wallace | UNENDLICHER SPASS

  1. Durch Infinite Jest habe ich es, trotz mehrer (kläglich gescheiterter) Versuche, immer noch nicht geschafft. Allerdings kann ich Interviews With Hideous Men schwer empfehlen und generell habe es mir seine Kurzgeschichten sehr angetan. Im Vergleich zu den paar hundert Seiten die ich aus Infinite Jest kenne, sind diese auch wesentlich lesbarer. Aber wie gesagt, vielleicht hat mir einfach bisher nur die Geduld für seinen Epos gefehlt. Wunderbarer Blog btw 🙂 Liebe Grüße aus der Hauptstadt

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    • Vielen Dank! Das Kompliment gebe ich gern zurück!
      Von Wallace‘ Kurzgeschichten kenne ich nur ein paar aus KLEINES MÄDCHEN MIT KOMISCHEN HAAREN, die ich auch in guter Erinnerung habe. Einen ähnlichen Stiel pflegt auch Joshua Cohen in VIER NEUE NACHRICHTEN … kleiner Tipp von mir.
      Beste Grüße aus dem rauhen Norden…

      Gefällt 1 Person

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