Sandra Newman | HIMMEL

USA 2019 | 296 Seiten
OT: »The Heavens«
Aus dem Englischen von Milena Adam
Matthes & Seitz Berlin
ISBN: 978-3-7518-0008-2

Ben lernte Kate auf einer Party kennen.

(Seite 7)

Nur denen, die die englische Literatur des Elisabethanischen Zeitalters aufmerksam studiert haben, sagt der Name William Shakespeare (1564-1593) vielleicht etwas, dessen schmales Gesamtwerk heutzutage in kaum einer Hinsicht noch relevant ist. Außer einem erfolglosen Bühnenstück und einer Handvoll Sonette hatte der Mann nur wenig zu Papier gebracht, als er mit knapp dreißig Jahren in London an der Pest starb und somit in der Bedeutungslosigkeit verschwand … Alternative facts? Fake News? Oder einfach nur eine der unendlich vielen möglichen Parallelwelten?

Das junge Pärchen Kate und Ben lebt in New York City um die Jahrtausendwende in ebenjener Welt, in der Shakespeare ein längst vergessener Niemand ist. Alles scheint in Ordnung – sie führen ein sorgenfreies Leben mit guten Freunden in einer friedlichen Zeit –, wäre da nicht Kates … Anomalie. Seit Jahren schon hat sie sehr realistische Träume, in denen sie eine andere Frau ist – Emilie –, in einer anderen Zeit – spätes 16. Jahrhundert –, in einem anderen Land – England. Dort lernt sie den erfolglosen Dichter William kennen und lieben und wird zu seiner Muse.

Kate ahnt mit herzenstiefer Sicherheit, dass mit ihrer Welt irgendetwas nicht stimmen kann, wenn niemand mehr von Shakespeare weiß. Der begnadete Dichter muss Erfolg haben, alles andere wäre gegen das vorgeschriebene Schicksal der Weltgeschichte. Also dreht sie als Emilia an den historischen Stellschrauben und erwacht jeden Morgen als Kate in einer anderen Welt, je nachdem, wieviel sie in ihren Träumen verändert hat. Das Dilemma: Ben, ihre Familie und all ihre Freunde sind immer nur Versionen der jeweiligen Welt, in der sie erwacht – für Kate ändert sich alles, für alle anderen jedoch nichts. Was zur Folge hat, dass Kate für geisteskrank erklärt wird – immer wieder aufs Neue.


Sandra Newman (*1965) legte vor Kurzem mit ICE CREAM STAR eine knüppelharte Dystopie jenseits aller Lesegewohnheiten vor – für mich persönlich eines der großen Highlights des letzten Jahres. Deswegen war ich hocherfreut zu erfahren, dass mit HIMMEL jetzt auch ihr aktueller Roman auf Deutsch erschienen ist. Auch hier bewegt sich Newman experimentierfreudig an den Grenzen des Erzählbaren, allerdings auf subtilere Art und Weise.

Stilistisch fährt die Autorin – je nach Zeitebene – zweigleisig. Die Kapitel um Kate und Ben sind eher nüchtern geschrieben, fast ein wenig teilnahmslos, was zwar gut zu den Figuren passt, mir persönlich aber nicht nah genug ging. Sie beibt größtenteils auf merkwürdiger Distanz zu Kate und Ben. Ob das so gewollt war, blieb mir bis zum Schluss leider verborgen. Ganz anders dagegen die Szenen mit Emilia und William. Hier sattelt Newman richtig auf und verliert sich nahezu in diesem opulenten Shakespeare-Sound der feinen Gesellschaften zu Albion, der Mylords und Myladies zu Zeiten Elisabeths der Ersten. (Ein großes Lob an dieser Stelle an Milena Adam, die diese typische Sprache, die man heutzutage nur noch aus den Reclam-Heften kennt, wunderbar ins Deutsche übertragen hat.)

Der große Aufhänger des Romans allerdings – der Punkt, der auch nach der Lektüre noch lange im Kopf herumspukt – ist nicht die komplexe Zeitreisegeschichte an sich, sondern der Gedanke, dass die Welt ohne Shakespeare besser dran wäre … eine steile These. Gleich zu Beginn – deswegen ist das hier auch nicht spoilerwarnungswürdig – wird klar, dass Kate in einer grandiosen Zeit lebt: Die Vereinigten Staaten werden von einer Präsidentin geführt, die sich mehr um die Umwelt als um die Wirtschaft kümmert, allen Bürgern geht es gut, niemand leidet Hunger und es herrscht weltweit ein friedliches Miteinander statt eines zähnefletschenden, kettenrasselnden Gegeneinanders. Je mehr nun Kate alias Emilia die Vergangenheit verändert, desto ähnlicher wird ihre utopische Welt der uns bekannten mit all ihren Fehlern und Kriegen und Idioten. Was ist wichtiger: Weltliteratur oder Weltfrieden? Was hat Shakespeare mit seinem Werk der Menschheitsgeschichte angetan? Und warum kann Kate nicht damit aufhören, die Welt zu verschlechtern, obwohl sie sieht, dass alles den Bach runter geht? Oder ist sie vielleicht wirklich geisteskrank?

Parallele Universen, Viele-Welten-Theorie, Zeitreisen, Seelenwanderung und ganz nebenbei eine bezaubernde Liebesgeschichte – HIMMEL ist bis unters Dach vollgestopft mit philosophischen und kulturhistorischen Themen. Sandra Newman ist für die amerikanische Literatur in etwa das, was Christopher Nolan für Hollywood ist: Komplex, durchdacht und mit viel Freude am Verwirren. Eine Autorin von der man noch viel erwarten darf.


HIMMEL erschien im Verlag Matthes & Seitz Berlin, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet. Eine weitere Rezension lest Ihr bei Fräulein Julia, die der Roman an Audrey Niffeneggers DIE FRAU DES ZEITREISENDEN erinnert.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

3 Gedanken zu “Sandra Newman | HIMMEL

  1. Danke für die wunderbare Rezension! Bei diesem Lob und noch dazu ein Buch, das unter anderem Shakespeare thematisiert, da kann ich nicht widerstehen und somit landet der Roman gleich auf meiner Wunschliste. Herzliche Grüße, Barbara

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