J. G. Ballard | BETONINSEL

GB 1974 | 174 Seiten
OT: »Concrete Island«
Aus dem Englischen von Herbert Genzmer
Diaphanes
ISBN: 978-3-03734-978-6

Kurz nach drei Uhr am Nachmittag des 22. April 1973 fuhr ein fünfunddreißig Jahre alter Architekt namens Robert Maitland mit hoher Geschwindigkeit die Ausfahrt des Westway-Kreuzes in der Londoner Innenstadt hinunter. (Seite 5)

INHALT: Als Maitland nach einem Unfall auf einem riesigen Autobahnkreuz wieder zu sich kommt, stellt er fest, dass er auf einer Insel gestrandet ist, einem tief gelegenen Niemandsland zwischen viel befahrenen Hochstraßen. Sein Jaguar ist schrottreif und auch er selbst hat einiges abbekommen. Die einzige Möglichkeit, die Insel zu verlassen, besteht darin, eine der hoch aufragenden Böschungen zu erklimmen und ein Auto anzuhalten. Doch der nie enden wollende Verkehr ist viel zu schnell und die Böschungen sind viel zu hoch, sodass Maitland nach einigen Versuchen aufgibt, erschöpft und noch schwerer verletzt als ohnehin schon. Er sitzt auf der Insel fest – mutterseelenallein mitten in der Millionenstadt London.

Auf seinen Streifzügen über die Insel kämpft Maitland an den folgenden Tagen neben Schmerzen und Fieber auch mit dem immer stärker werdenden Hunger. Außer ein paar Essensresten, die vom Zubringer geworfen wurden, ist wenig zu finden. Alles, was er im Jaguar mit sich führte, waren ein paar Flaschen Weißburgunder, aber auch die sind schon halb aufgebraucht. Mit den letzten Kräften versucht Maitland, sich im vorbeirauschenden Verkehrsstrom bemerkbar zu machen, dann bricht er bewusstlos zusammen …  und wird gerettet! Anscheinend ist er nicht allein auf der Insel, doch seine Retter, das wird ihm schnell klar, sind ihm nicht wohl gesinnt. Ein Machtkampf um die Vorherrschaft der Insel entbrennt.

FORM: Ballard erzählt seine Robinsonade in schnörkelloser Prosa, ohne Tricks und Budenzauber. Über die Protagonisten ist bis auf ein paar Rückblenden kaum etwas zu erfahren, sie bleiben also relativ flach. Aber darum geht es Ballard auch nicht. Viel eher will er zeigen, wie die Machtstrukturen innerhalb einer Gruppe in Notsituationen funktionieren und verändert werden können. Jede Figur auf der Insel hat andere Stärken und Schwächen. Um Vorteile zu erhalten, müssen Schwächen kompensiert werden. Dazu braucht es Verstand, doch davon hat Maitland reichlich. Ihm dabei zuzusehen, wie er seine Gegenspieler aussticht, um von der Insel zu kommen, das macht den Reiz des Buches aus.

James Graham Ballard (1930-2009) hat sich in seinen zahlreichen Romanen immer wieder als präziser Beobachter der modernen Gesellschaft gezeigt. Seine Themen sind die unterschiedlichen Arten sozialer Systeme und deren Zerfall. In seinem (kürzlich von Ben Wheatley verfilmten) Roman HIGH RISE (1975) beispielsweise versetzt er die gängigen Macht- und Denkstrukturen der Gesellschaft eines Landes in ein gigantisches Hochhaus und lässt diesen Mikrostaat dann mit Pauken und Trompeten untergehen.

In England ein Dauerseller, ist Ballard beim deutschsprachigen Publikum in den letzten Jahren eher etwas zwischen die Stühle gefallen. Der Züricher Verlag Diaphanes hat sich des Autors jetzt offensichtlich angenommen und bringt seine Romane in grellbuntem Design erneut auf den Markt. Im Oktober erscheint nach HIGH RISE und BETONINSEL bereits der dritte Titel MILLENNIUM PEOPLE, ein Spätwerk von 2003, auf das ich mich schon sehr freue.

FAZIT: Mir hat die Geschichte um Maitland und seinen Kampf, die Insel zu verlassen, eigentlich ganz gut gefallen. Allein der staubtrockene Stil war nicht so mein Fall, was vielleicht auch an der hölzernen Übersetzung liegen mag. Hier griff der Verlag auf die Arbeit Herbert Genzmers für Suhrkamp zurück, die schon ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel hat und hier und da etwas antiqiert wirkt – Wörter wie Tramp oder Trebegänger sagt ja nun wirklich kein Mensch mehr.
Ansonsten … vier Sterne.


Ich danke dem Verlag Diaphanes für das Rezensionsexemplar. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier.

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