Stephan Roiss | TRICERATOPS

A 2020 | 208 Seiten
Kremayr & Scheriau
ISBN: 978-3-218-01229-4

Die Tür unseres Kinderzimmers stand weit offen.

(Seite 9)

Wenn jedes Mitglied deiner Familie psychisch angeschlagen ist, deine Mutter die Hälfte ihres Lebens tablettenschluckend in der Nervenklinik verbringt, dein Vater sich unerreichbar in Religion und Alkohol flüchtet, deine Schwester über die Jahre autistische Züge entwickelt und die Worte »Alles ist gut« wie ein Mantra vor sich hinmurmelt, und du wegen einer Hautkrankheit von Kindheitstagen an gemobbt und gemieden wirst – was macht das dann mit dir? Wenn du als Jugendlicher noch in die Hosen pinkelst, vor fremden Leuten kein Ton herausbringst und am liebsten nicht du selbst sein willst – woher nimmst du dann die Kraft weiterzumachen, woher die Hoffnung auf ein würdevolles Leben, auf Freundschaft und Zuneigung?

Stephan Roiss (*1983) inszeniert in seinem Debütroman TRICERATOPS das düstere Psychogramm eines Jungen, der sich – gefangen in einer Welt aus familiärer Dysfunktion und sozialer Ausgrenzung – nichts sehnlicher wünscht, als die strotzende Kraft und den schützenden Panzer eines jener titelgebenden Dinosaurier. Da das naturgemäß nicht so ohne Weiteres möglich ist, sucht er andere Wege aus der Trostlosigkeit, trudelt dabei aber immer weiter ins Abseits. Als er sich – den Kinderschuhen bereits entwachsen – von seiner Familie abwendet und einer kleinen Gruppe Punks anschließt, glaubt er, Erlösung zu finden, doch die Schäden, die er in der Vergangenheit davongetragen hat, sind einfach zu groß. Er ist bis unter die Schädeldecke mit Schuldgefühlen vollgestopft und der pubertätsbedingte Hormonfasching tut sein Übriges. Schließlich igelt er sich in der Berghütte seines Großvaters ein, der sich einst dort das Leben nahm.


Ich muss schon sagen, TRICERATOPS ist unfassbar finster und ernst. In kurzen Kapiteln, die manchmal nur ein paar Zeilen einnehmen, springt Roiss durch die Kindheit seiner Hauptfigur, die bis zum Schluss namenlos bleibt und von sich nur in der Wir-Form spricht, was wohl weniger eitle Selbstüberschätzung als mehr notgedrungene Praxis gegen die Einsamkeit ist. Trotz der Erzählperspektive und des Themas, das ja nach inneren Monologen und Gedankengängen geradezu schreit, bleibt der Autor auf Distanz – wir Leser erfahren nur was passiert, nicht wie die Hauptfigur darüber denkt. Dieser stilistische Trick verstärkt nochmals das trostlose Bild, das wir von der emotionalen Wüste des tragischen Helden haben, macht die Lektüre aber streckenweise auch hölzern und nimmt der Geschichte gerade zum Ende hin ordentlich Luft aus den Segeln. Was den Gesamteindruck aber nicht schmälern soll: Stephan Roiss beweist hier großes Talent und legt ein bewegendes Debüt vor.

Ein paar Worte noch zum Layout: Bei Kremayr & Scheriau wird man ja schon seit einigen Jahren mit wunderbar gestalteten Büchern verwöhnt – leuchtende Farben, Reihendesign auf den Buchrücken, vom Satzspiegel bis zur Bindung hochwertig produziert –, jeder Band ein Schmuckstück. Bei TRICERATOPS ist der Verlag sogar noch einen Schritt weitergegangen und hat sowohl Schutzumschlag als auch Einband mit Reliefs überzogen, die an Schuppen oder Saurierhaut erinnern. Ein gutes Beispiel dafür, das sich Inhalt und Haptik eines gedruckten Buches ergänzen können … und sollen.


TRICERATOPS erschien im Verlag Kremayr & Scheriau, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

2 Gedanken zu “Stephan Roiss | TRICERATOPS

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