Steven Uhly | GLÜCKSKIND

D 2012 | 256 Seiten
Secession Verlag
ISBN: 978-3-905951-16-5

Wieder so ein Scheißtag. (Seite 7)

Hans – ein erwerbsloser Endfünfziger, der schon vor Jahren von seiner Familie verlassen wurde und seitdem eifrig an seiner Verwahrlosung arbeitet – staunt nicht schlecht, als er eines Tages ein Baby in einer Mülltonne findet. Er nimmt es mit in seine armselige Wohnung und so beginnt für ihn ein neues Leben. Er schneidet sich die speckige Matte, trennt sich von seinem Karl-Marx-Bart, räumt die Wohnung auf und macht Schluss mit dem Saufen. Sein spärliches Hartz-IV-Geld gibt er jetzt für das Mädchen aus, das er Felizia nennt: »Die Glückliche«. Doch schon bald fragt man sich, wer hier das eigentliche Glückskind ist.

Unerwartete Unterstützung bei seiner Rettungsaktion bekommt Hans von den persischen Nachbarn, mit denen er vorher nur selten ein Wort gewechselt hat, und vom Kioskbesitzer Wenzel. Diese wissen jedoch aus der Zeitung etwas mehr über das Baby. Zur selben Zeit nämlich ist Eva M. wegen Mordes an ihrem Kind angeklagt und hat gestanden, das Baby im Müll entsorgt zu haben. Die Polizei geht davon aus, dass das Kind tot ist, nur die Leiche fehlt. Hans und seine Komplizen tappen immer tiefer in ein moralisches Dilemma. Sollen sie die Verurteilung der Mutter hinnehmen, obwohl das Kind lebt? Sollen sie das Mädchen einer Frau ausliefern, die es töten wollte?


Solche Moral-Zwickmühlen sind natürlich immer ein interessanter Stoff für Romane. Die Schwierigkeit dabei ist nur, eben nicht zu moralisieren. Was mich bei GLÜCKSKIND sehr freut, ist, dass Steven Uhly zwar alle Möglichkeiten aufzeigt, zwischen denen die Figuren wählen können, keine von ihnen aber als besser oder schlechter verurteilt. Der Weg, den Hans geht, ist weder besser noch schlechter als jeder andere – es ist der gewählte Weg, das allein zählt.

Stilistisch bleibt Uhly lakonisch und schnörkellos, was sehr gut zur Geschichte passt. In kurzen Sätzen und knapper Sprache schickt er Hans durch dessen neues, völlig umgekrempeltes Leben und rutscht auch in Momenten der Rührung nicht ins Kitschige ab, was ich als sehr angenehm empfand. (Die Geschichte selbst ist berührend genug, da muss man nicht noch absichtlich auf die Tränendrüse drücken.) Der einzige Ort im Buch, an dem sich Uhly bildreich austobt, ist Hans‘ Traumwelt, in die er jeden Tag zurückkehrt und einen fortlaufenden Traum immer weiterspinnt. Auch hier weicht Uhly nicht von seinem trockenen Stil ab, lässt aber viel Platz für Interpretationen.

Steven Uhly (*1964) schaffte mit GLÜCKSKIND – seinem dritten Roman – 2012 den literarischen Durchbruch, ein Bestseller, dessen Erfolgsgeschichte in einer Verfilmung und einer Theateradaption gipfelte. Endlich konnte ich diese Lektüre mal nachholen und schließe mich mit ein paar Jahren Verspätung dem allgemeinen Jubel an: Ein wunderbares Buch!


SU-GKGLÜCKSKIND ist beim Verlag Secession erschienen. Alle weiteren Information findet Ihr auf der Verlagsseite. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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