Pedro Mairal | AUF DER ANDEREN SEITE DES FLUSSES

ARG 2016 | 173 Seiten
OT: »La uruguaya«
Aus dem argentinischen Spanisch von Carola S. Fischer
mare Verlag
ISBN: 978-3-86648-603-4

Du hast mir gesagt, dass ich im Schlaf gesprochen habe. (Seite 5)

Der Río de la Plata – der Fluss, der die beiden Staaten Argentinien und Uruguay voneinander trennt. An der Mündung, wo sich der Fluss in einem gewaltigen Trichter in den Südatlantik ergießt, erstrecken sich auf beiden Seiten die Hauptstädte Buenos Aires und Montevideo, zwei schillernd-pulsierende Metropolen und der ganze Stolz ihrer Nationen.

Lucas – ein argentinischer Schriftsteller Mitte vierzig, verheiratet, ein Sohn – fährt für einen Tag von Buenos Aires nach Montevideo, um dort bei einer Bank ein Doppelhonorar in Höhe von fünfzehntausend Dollar für zwei kommende Bücher abzuheben. Er macht das im Ausland, um Steuerabgaben zu umgehen, die in Argentinien fällig wären. Doch das Geld ist nicht der einzige Grund für den Besuch in Montevideo: Er trifft sich dort auch mit seiner Geliebten Guerra, die er zwar erst ein Mal gesehen hat – was auch schon einige Monate her ist –, ihm aber nicht mehr aus dem Kopf geht.

Der ganze Tag ist sauber geplant: Geld abholen, Hotelzimmer mieten, Guerra treffen und wieder zurück nach Hause – doch das Schicksal meint es nicht gut mit Lucas. Als Lebemann ist er dem Alkohol nicht abgeneigt und in kurzer Zeit hat er sich einen ordentlichen Pegel angetrunken, der ihn unvorsichtig werden lässt. Er wedelt mit den Scheinen und schmeißt mit dem Geld um sich – das ihm eigentlich die nächsten Monate den Rücken freihalten sollte –, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das jemandem auffällt, der ihm nicht gutgesinnt ist. Doch dieser sonnige Tag, der so verheißungsvoll begann, hält noch mehr Überraschungen für ihn parat.


Sympathisch ist der Held in Pedro Mairals (*1971) schmalem Roman nicht gerade. Ein Draufgänger ist er, ein Egoist, ein Chauvi. Fast überkäme einen diese hämische Schadenfreude, die immer dann einsetzt, wenn man solche Typen fallen sieht – wäre da nicht die glaubwürdige Reue in der einnehmenden Erzählstimme. Das Buch ist ein Geständnis, geschrieben von einem geschlagenen Mann, adressiert an seine Frau, die sich nach dem ganzen Debakel von ihm getrennt hat. Denn natürlich hat sie alles erfahren; wie sollte er diesen schwarzen Tag auch vor ihr geheim halten?

Sehr gefallen haben mir auch die Beschreibungen der Stadt Montevideo, von der ich vorher – offen gestanden – so gut wie nichts wusste. Der Roman spielt an nur wenigen Orten, dennoch gelingt es Mairal ganz beiläufig, die Stadt intensiv als Kulisse einzubauen. Als ich neben der Lektüre die Stadt bei Google Maps ein bisschen genauer unter die Lupe nahm, wurde mir immer bewusster, wie schön es dort sein muss: die Lage, die Plätze, Märkte und Straßen, der Strand – Montevideo ist ein Juwel und kommt auf die Liste der Orte, die ich dringend mal besuchen möchte.

Pedro Mairal, der als »eine der originellsten Stimmen der lateinamerikanischen Literatur« gilt, hat mit AUF DER ANDEREN SEITE DES FLUSSES einen kurzweiligen Roman über einen Mann geschrieben, der mit dem Feuer spielt und sich gehörig die Finger verbrennt. Sympathie hin oder her: Aufrichtig ist er in jedem Fall.


978-3-86648-603-4AUF DER ANDEREN SEITE DES FLUSSES erschien im mare-Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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